Habecks Hypothek

Habeck und Noske Der nächste Kanzler Deutschlands und seine seltsamen Vorbilder: Robert Habecks Hommage an Gustav Noske
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Zu Beginn sei an einen Satz erinnert, der im Jahre 101 nach der Revolution von 1918 verschiedentlich wieder zitiert wurde - leider nie von denen die es wirklich betrifft:

„Die haben die Revolution verraten, sie sind schuld an der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg, ohne sie wäre Hitler nicht an die Macht gekommen.

Dieser Satz, den so oder so ähnlich problemlos Walter Ulbricht gesagt haben könnte und vermutlich auch gesagt hat, stammt von Sebastian Haffer und fiel erst 1997, zwei Jahre vor seinem Tod. Haffner hatte bereits 1968 mit seinem Werk „Die verratene Revolution – Deutschland 1918/1919“ eine bis heute unter Historikern zumindest hinsichtlich der Fakten weitgehend unumstrittene Analyse der deutschen Revolution von 1918 vorgelegt und dabei zwei klare Schuldige am Scheitern der Revolution benannt: Den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert und vor allem Gustav Noske, Reichswehrminister im ersten Kabinett Scheidemann.

Extrem verkürzt formulierte Haffner die These das Noske, gemeinsam mit Friedrich Ebert und anderen führenden Sozialdemokraten, durch den de-facto Militärdiktator Erich Ludendorff geschickt in eine Falle gelockt wurde: Das Militär war 1918 am Ende, der Krieg war verloren - für die Niederlage selbst sollte jedoch ein Sündenbock gefunden werden. Friedrich Ebert, weiß Gott kein linker Sozialdemokrat, dafür aber durchaus machtbewusst, kam Ludendorff dafür sehr gelegen und mit ihm die gesamte Führung der damaligen Mehrheits-SPD. Diese Partei, die sich von einer Arbeiterpartei unter Ebert zu einer der tragenden Säulen des Kaiserreichs entwickelt hatte und nach der Abspaltung der USPD endgültig konsolidiert hatte, stellte nun die Regierung und übernahm die Verantwortung unter dem Motto ihres Vorgesetzen Friedrich Ebert, Zitat:

„Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie Sünde.“

Genau diese Revolution stand Ebert und Genossen jedoch unmittelbar auf den Füßen: Nicht nur hatte Karl Liebknecht quasi gleichzeitig mit Philipp Scheidemann in Berlin eine ungleich linkere Republik ausgerufen - in Berlin kam es zum Matrosenaufstand. Schnell war dem nervösen Kabinett klar: Die öffentliche Ordnung musste wiederhergestellt werden, wenn nötig mit Waffengewalt. Die Revolution muss ersticken!

Für diesen letzeren Part kam Gustav Noske als "Bluthund" ins Spiel - und er leistete ganze Arbeit:

► Nach den Weihnachtskämpfen 1918 wurde Noske "Volksbeauftragter für Heer und Marine" und unterstützte nachdrücklich den Aufbau von Freikorps als Stütze der Regierung - viele dieser Verbände erwiesen sich als Keimzellen für SA, SS und NSDAP

► Er veranlasste Niederschlagung des Spartakusaufstandes mit reichsweit 5.000 Toten durch Freikorps und verantwortete in letzter Konsequenz die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts

► 1.200 Tote in der Endphase der Berliner Märzkämpfe

Alles weitere lässt sich in dem nach wie vor äußerst spannend und herausragend zu lesenden Werk Sebastian Haffners nachlesen.

Ein toller Stoff für den Dramatiker Habeck

„Egentlich (sic!) will ich die Revolution und andererseits suche ich die Ordnung oder ich versuche sie zu steuern“, das ist ein Stück weit auch, wenn ich das so sagen darf, ohne es zu übertreiben, Metapher für den täglichen Alltag auch als grüner Bundesvorsitzender."

Dieses Zitat von Robert Habeck lässt sich in einem Interview von Deutschlandradio Kultur zu seinem Theaterstück "Neunzehnachtzehn" nachlesen. Habeck findet Noske spannend, bezeichnet ihn als "Sündenfall der SPD", sagt aber auch darüber das Noske ganz unbefangen nach Kiel gefahren sei um "da mal zu gucken. Es drängt sich der Gedanke auf, dass Habeck nicht nur nicht genau zu wissen scheint wer Noske war - er unterstellt ihm auch altruistische Motive:

"Und wir haben uns vorgestellt, dass der Mann quasi unbeschrieben, also ohne einen klaren Plan, in diese wilde Situation geworfen wurde und dann aus dem Agieren selbst heraus, also aus dem, die Leute mussten etwas zu essen haben, es wurde auf der Straße wild um sich geschossen, das konnte eigentlich nicht so bleiben, also hat er angefangen, Ordnung geschaffen. Und von diesem „Ich schaffe Ordnung“ hat er dann die Revolution übernommen und letztlich sogar wieder abgewürgt, also er hat da schon in Kiel das Bündnis mit den Offizieren wieder gesucht und ist es eingegangen, das alles in drei, vier Tagen."

Was sagt ein solches Geschichtsverständnis über einen Mann aus, der möglicherweise Bundeskanzler werden könnte? Habeck muss sich mit Noske beschäftigt haben, er muss wissen das Noske selbstverständlich mit einer Agenda nach Kiel fuhr - nämlich die Revolution, gehasst wie die Sünde, auch mit Waffengewalt zurückzuschlagen. Dennoch inszeniert der Dramatiker ihn als "unbeschriebenes" Blatt und führt ihn als "Realo-Romantiker" des der Revolution 1918 ein, vergleicht sich und seine Rolle ohne erkennbare Distanz mit Noske und bringt überreichlich Verständnis auf für eine politische Figur, die nicht nur im Verständnis Sebastian Haffners eine direkte Verbindung zwischen erstem und drittem Reich herstellt.

Es sei Herrn Habeck daher nochmals gesagt: Ohne die Erstarkung der Freikorps durch Noske hätte es die deutsche Rechte niemals zu der Machtentfaltung bringen können, die sie in der späteren Weimarer Republik später hatte. Ohne Noske hätte es die tausenden Toten der Aufstände 1918/19 nicht gegeben. Ohne Noske und ohne Ebert hätte die Sozialdemokratie nach 1918 einen echten Aufbruch wagen können und wäre nicht in die Falle Ludendorffs getappt - die Falle hätte gar nicht gestellt werden können. Ebert und der SPD klebte die Dolchstoßlegende bis 1933 an und machte der es der Rechten so viel einfacher, die Weimarer Verfassung zu delegitimieren.

Kurz und gut: Hätte Habeck ein Theaterstück über einen etwas verwirrten Postkartenmaler geschrieben, der 1918 mit als unbeschriebenes Blatt nach München gekommen wäre - es wäre ihm mit Recht um die Ohren geflogen. Nur weil heutzutage kaum noch jemand Noske kennt und ihn einzuordnen weiß konnte so ein Stück geschrieben und auch noch positiv besprochen werden. Noske wusste was er tat und er wusste auf wen er sich für seine Entscheidungen berufen konnte. Weiß Habeck das auch? Es bleibt sicherlich interessant, die freundliche Fassade des Robert H. weiter zu durchleuchten.

P.S. Sebastian Haffner hat auch nie verstanden, warum niemand je die Benennung der Friedrich Ebert Stiftung angezweifelt hat. Kevin Künert - hier ist noch ein Thema für Dich!

11:35 01.07.2019
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