Istanbul Festival of Gas

Istanbul Proteste In Istanbul wurde den ganzen letzten Tag und durch die Nacht demonstriert. Die Polizei schlägt in übertriebener Härte zurück mit Wasserwerfern und Tränengas.
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Sie reden von Naturschützern und Baumliebhabern. Sie reden von einem despotischen Ministerpräsidenten. Es ist hier 6 Uhr Morgens in der Stadt die Europa und Asien eint und wir werden von Reizgas geweckt, das durch das halbgeöffnete Fenster in unser Schlafzimmer strömt. Die Demonstrationen halten an – die Bosporusbrücke die, die beiden Teile der Stadt verbindet ist an diesem Morgen der Schauplatz eines Marsches der Resistance. Das Ziel wird der Taksimplatz sein. Wie viele der geschätzt 40 Tausend Demonstranten diesen Morgen ankommen werden ist fraglich.

Den Stein ins Rollen gebracht, hat der Bagger, der den ersten Strauch aus dem Gezi Park im Zentrum der Stadt riss. Das war letzten Dienstag. Die Prostestgruppe gegen die Abholzung des letzten Grünflecks in einem Meer aus Beton, sammelte sich. Eine Handvoll Menschen demonstrierten friedlich vor der Reihe Polizisten. Und schon hier wurde Reizgas nach wenigen Minuten das Mittel der Wahl für die ausführende Macht der Regierung. Ein symbolisches Bild wurde auf dem Blog Occupygezi gepostet: Ein Polizist schießt mit seiner Tränengaspistole auf eine wenige Meter entfernte Frau. Ihr leichtes rotes Sommerkleid wird nach rechts geweht, sie steht starr, die Augen geschlossen.

Die Regierung hält an ihrem Vorhaben fest, die gleichgeschaltete Presse gibt den Demonstranten die Schuld für ihre Verletzungen „Hätten sie doch nicht demonstriert!“ Die Besetzung des Parks ähnelte nicht im geringsten dem organisierten Schauspiel, das vielen noch von der Occupy Bewegung vor Augen ist. Ein paar kleine Zelte wurden aufgebaut, die Leute sammelten sich in den folgenden Tagen und Nächten um etwas zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Eine wilde Mischung Menschen diskutierte auf dem Gras sitzend über ihre Heimat und wie sie sich in den letzten Jahren verändert hat. Was folgt sind gewaltsamen Räumungen in den frühen Morgenstunden. Brennende Zelte. Ein Zentrum komplett eingenebelt mit Tränengas.

Gestern am 31. Mai 2013 riegelte die Polizei den Park mit Zäunen ab. Die Gruppen der Demonstranten sammelte sich am Taksimplatz. 13 Uhr Mittags: Junge und Alte – sie alle eint, dass sie die Repression der Regierung nicht weiter hinnehmen möchten. Hier geht es nicht mehr nur um die Abholzung von Bäumen. Es geht darum, in einem Land zu leben, dessen Regierung Megaprojekte wie die Umgestaltung des Taksimplatzes oder den Bau einer dritten Brücke über den Bosporus ohne die direkt Betroffenen plant und umsetzt.

Es geht um die sich langsam einschleichende Islamisierung einer Republik, die auf Trennung von Religion und Staat basiert. Es geht darum, dass Menschen mit einem Bier in der Hand auf offener Straße von Polizisten niedergeknüppelt werden. Was die Demonstranten an diesem Tag außerdem eint, sind die Tücher und Masken vor den Mündern und Gesichtern. Nur Worte werden den aufgereihten Polizisten und Wasserwerfern entgegengeschmissen – deren Antwort ist schnell und gewalttätig. Die Wasserwerfer gehen los, es wird eine unglaubliche Menge an Reizgaskapseln wahllos in die panisch wegrennenden Demonstranten geschossen. Wasser ist in diesem Fall nicht nur Wasser sondern angereichert mit brennenden Substanzen. Die Polizei hat Anweisung von der Regierung: Null-Toleranz!

Wir fragen uns an diesem Tag wer mit all dem Tränengas wohl Geld verdient. In den Abendstunden hängen reizende Wolken über der Skyline. Eine ganze Stadt ist auf den Straßen. Die die zu Hause bleiben holen sich Töpfe und machen ihre Nachbarschaft zu einem blechernen Konzert der Resistenz. In jeder Seitengasse des Zentrums sammeln sich fliehende Demonstranten. Neben einer Baumaske sind Zitronen und Essig gegen das Tränengas obligatorisch, um einen Schritt vor die Tür zu setzten.

Die Nacht bleibt unruhig, die Helikopter kreisen, auf den Straßen brennt es. Die Einkaufsmeile Istiklalstraße sieht nach den Straßenschlachten aus wie ein Kriegsgebiet. Ein ganzes Land ist in Aufruhr – Solidaritätsdemos in jeder großen Stadt der Türkei. Was auch immer heute passiert: Istanbuler, vergesst den Mundschutz nicht!

07:36 01.06.2013
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