Absurdes Theater und eine Ausstellung

Esslingen / Mannheim und etwas Wagner (Buchtipp)
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Vor einigen Tagen haben wir in Esslingen Eugène Ionesco "Die Nashörner" gesehen, auch und gerade wegen der enthusiastischen Kritik von Thomas Rothschild in "Faustkultur".

Ja, das Stück lohnt sich, und wer kann, sollte es sich noch ansehen. Es lohnt sich darstellerisch betrachtet, aber auch vom Inhalt her. In dem Stück geht es wohl um die Verführbarkeit des Einzelnen - besser der Masse; es bleibt nur ein Einzelner, ein Individualist übrig.

Ja, schon wieder ein nackter Mann - Mensch - im Theater. (Der Kaiser mag ja nackt sein, aber er bleibt trotzdem der Herrscher; aber das gehört nicht hierher!)

Das Stück hätte mir vor - sagen wir 30-40 Jahren - sehr gut gefallen. Heute zögere ich. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich inzwischen dieses Buch entdeckte: Saunders, Frances: Wer die Zeche zahlt... Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg. Berlin 2001, aber auch mit der Rechtsentwicklung in unserem Land. (Dazu gab es in Berlin vor einiger Zeit auch eine sehenswerte Ausstellung.)

Abstrakte Kunst, absurdes Theater wurden einst unterstützt als Waffe im Kampf gegen den sogen. sozialistischen Realismus, der nun keineswegs gleich mit der Kunst im sogen. Ostblock sein musste. Obwohl, das steht hier extra außer Frage: es natürlich auch dort große Kunst gab. Aber die formalistischen Spielereien, der Sprachwitz, der eine schnelle Auffassungsgabe erfordert, der eher formale Protest gegen Anpassungen und Opportunismus - heute erscheint mir das zu wenig. Je mehr man heraus- oder hineinlesen kann und muss, desto "anschlussfähiger" wird das Ganze, anders gesagt: beliebig.

D.h. natürlich nicht, nur weil der CIA eine bestimmte Kunstrichtung unterstützte (z.B. abstrakte Malerei), dass diese damit erledigt ist. Es ist wie mit Wagner: Der zeitigte die Wagnerianer mit Hitler an ihrer Spitze bzw. Endpunkt; Wagner fand aber auch seine Verteidiger wie George Bernard Shaw, Anatoli Lunatscharski oder Ernst Bloch - oder auch Thomas Mann, um die dritte Richtung seines Erbes zu benennen.

(Sehr zu empfehlen in dieser Hinsicht: Vaget, Heinz Rudolf: Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik, Fischer Verl.)

Was sich aber uneingeschränkt lohnt, ist eine Fahrt nach Mannheim: Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie 1919-1939 in der neuen Kunsthalle Mannheim. Es gibt noch eine Fortsetzung dieser Ausstellung 2008-2018, die aber, da wären wir vielleicht beim obigen Problem, etwas abfällt. Wenn schon der sogen. sozialistische Realismus Vergangenheit ist, der bürgerliche Realismus erscheint umso wünschenswerter, wobei mir nicht klar ist, ob es dafür noch ein großes Publikum gibt.

Meine lieben drei LeserInnen: Noch eine letzte Bemerkung zum betrüblichen Wahlausgang in Hessen, aber das gilt auch für andere Wahlen. Die Linke bietet sich für Koalitionen an, kritisiert gleichzeitig zurecht ihre möglichen koalitionären Wunschpartner. Wenn man Glück hat, benennen sie vorher noch wenigstens Haltelinien, dann kann man hinter zuschauen, wie diese gerissen werden, wenn... Aber, es gibt wohl zum Glück kein wenn... Interessant finde ich die Frage, wie sich deren Spitzenkandidaten das vorstellen? Der SPD-Funktionärskader geht nach der Wahl schlafen, überlegt sich alles nochmals in Ruhe, und am Morgen erwacht er mit einem sozialen Gewissen, das nur der Himmel erweckt haben kann?

Nun, vielleicht irre ich mich doch mit meiner Vermutung, das absurde Theater hätte seine Zeit gehabt? Vielleicht ist es doch mitunter realistischer als man denkt?

21:38 28.10.2018
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