Adorno zwischen den Ohren

Teil 2 "Sagen Sie es trotzdem."
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Hundert Seiten weiter muss ich wieder eine Pause machen. Nicht die punktuell apodiktische Stringenz(?), die einen Hang zum Autoritären verraten könnte, stoppen mich. Im Gegenteil. Ich meine jene Sätze, die wie ein Donnerwetter etwas auf den Punkt oder eben in einen Satz bringen. In meinem Teil 1 gibt es schon Beispiele, jetzt ist Adorno auf deutschem Boden zurück "von dem aus man niemals friedlich und ohne Wachsamkeit in den Himmel schauen kann."

Wie zu erwarten geht es um die Neue Musik, aber auch um Adornos Kampf gegen die deutsche Jugendmusikbewegung. Vorher erfährt man aber, was ich auch nicht wusste, aber ins Bild passt, dass 2007 zur Feier der dt. Wiedervereinigung Pfitzners "Von deutscher Seele" aufgeführt wurde. Ein bekennender Antisemit. Wessen Seele diese Wiedervereinigung wurde, sieht man, aber das gehört nicht hierher.

Seltsamerweise wird das Buch immer interessanter, ja spannender.-

Einmal werden ihre Wörter missverständlich oder schießen übers Ziel hinaus: "Die von ihm (Adorno) ergriffene Partei hat immer Recht - wie sonst nur der Glaube." Oder ist das ein Vorgeschmack auf Adornos Metaphysik bzw. Einführung in diese?

Manchmal möchte man Widerspruch anmelden, dass "die deutsche Arbeiterbewegung den Nationalsozialismus gewählt ... hat". Dann kommt endlich das Nibelungenlied ohne Wagner, und Horkheimer, der Adorno Irrationalismus vorwirft und ein Denken bzw. Sprechen in Analogien. Das ist richtig spannend. Und: wer ist "wahr(er)": Heinrich Zille oder Käthe Kollwitz? War ich überrascht.

Doch jetzt mache ich wieder eine Pause, weil ich folgendes mir unbekanntes Zitat mal wirken lassen möchte: "Lassen Sie sich nicht dumm machen, vor allem nicht einreden, daß, was da in der akademischem Welt gedeiht, nun ohne weiteres die höhere Einsicht vertritt, sondern denken Sie daran, daß im Gegensatz zu der offiziellen Bildungswelt, in der des Volkes immer auch eine Tradition der Skepsis, der Ironie, des wachen Bewußtseins am Werke war, vielleicht die beste Quelle, um die Welt zu verändern, über welche die Menschheit heute verfügt." Das ist überraschend! Freilich muss Frau Dankemeyer Adorno vorhalten, dass es dort, wo er diesen Vortrag hielt, das gerade nicht gab: "Das lokale Brauchtum umfaßt traditionell Denunziation, Misshandlung, Folter, Verfolgung und Mord."

Vielleicht sollte man den obigen Glauben, mit dem ich mich schwer tue, nicht an die Kette der üblichen Religionen legen. (Hier hätte Marcuse etwas zum Sagen gehabt.) Er würde auch ihr ganzes Buch in Frage stellen, würde man das so stehen lassen, geht es doch darum, das was ihr Ohrensinn ausmacht, sagen wir es klassisch, auf den Begriff zu bringen, auch wenn das nicht ganz gelingt, aber darin wäre Frau Dankemeyer ihrem Meister ähnlich, auch wenn wir nicht wissen, was ihre Kunst ist.

Iris Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs . Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. Edition Tiamat 2020, 403 S.

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PS: Ob meine verehrten Leserinnen auf mich hören, steht dahin, trotzdem würde ich nicht empfehlen, bei diesem Zero-Covid-Unsinn zu unterschreiben. Lassen wir das mit der neudeutsch: "Evidenz" mal beiseite, so schafft es die Linke damit, sich endgültig von denen zu verabschieden, die man mal das Volk, die Arbeiterklasse, die armen Leute usw. nannte. Der analytische Begriff der (sadomasochistischen) Identifikation mit dem Angreifer scheint hier eine neue Wendung zu nehmen, in einer dramatischen Steigerung, koste es, was es wolle, bricht hier ein Vernichtungswahn sich bahn, vor dem selbst die Regierung zurück schreckt; ich vermute nicht nur wegen ihrer Kapitalshörigkeit. Und im Lockdown wird dann vergesellschaftet und danach umverteilt... Ganz offensichtlich ist schon der bisherige nicht auszuhalten gewesen.

Aber wessen Geist das ist, zeigt nur Seehofers Bemühen die Grenzen zu schließen. Ich vermute, dafür ist es schon zu spät, wie immer, aber diese Maßnahme wird seine Sympathiewerte wieder in die Höhe treiben, ein Söder ist uns nicht genug. Vielleicht besser das Buch kaufen. Tatsächlich wird es immer schwerer, einen kühlen Kopf zu behalten. Von einem, der das versuchte, handelt das obige Buch.

Siehe dazu auch das Interview mit Hannes Hofbauer auf den Nachdenkseiten
https://www.nachdenkseiten.de/?p=69261

09:24 29.01.2021
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