Bürgerliche Oper

Mozart: Le Nozze... Regie Christiane Pohle, Musikalische Leitung Roland Kluttig (Stuttgart)
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Der Besuch in einer Mozart-Oper, noch dazu in einer bekannteren, wirft Fragen auf. Was erwartet man? Einen heiteren Abend zur bekannten Musik, technisch vorzüglich ausgeführt?

Eine Antwort darauf könnte eine Einführung geben, die, wir haben das schon bei der letzten Besprechung moniert, in Stuttgart jetzt in dialogischer Form daher kommt. Zuerst wird einmal mehr der große Stress bei der Produktion betont. Diese Betonung mag aus dem schlechten Gewissen der hier stellvertretend schwatzenden Dramaturgen herrühren, die das Misstrauen der Bürger ahnen, dass die Künstler doch ein schönes Leben hätten. Dies umso mehr, wenn sie sich auch noch mit schönen alten Opern beschäftigen, bei denen man eigentlich - von der Regie her betrachtet - nicht viel falsch machen kann.

In der Einführung wurde wieder auf das Motto der Saison, wenn ich das richtig verstanden habe, Bezug genommen: Futur II. Dass die Opern-Dramaturgen auf diesem Gebiet der fortgeschrittenen Grammatik nicht ganz firm sind, wer wollte es ihnen verargen? Wem die Themen ausgehen, der flüchtet sich in einer Zukunft, die er vor sich hat, aber, wenn es gut geht, auch einmal hinter sich, wo/wann man dann entspannt zurückschauen darf.

Das anwesende Publikum hat als Individuen wie auch als Klasse, wenn wir hier mal annehmen dürfen, dass das keine Arbeiterversammlung war, ihre Zukunft schon hinter sich. Im Moment hat die Jugend ja das Thema okkupiert. Das steht bei der aktiv versammelten bürgerlichen Jugend in seltsamen Gegensatz zu ihrer Klasse, die sich noch nie um ihre (weitere) Zukunft geschert hat, zumindest deren extremistische Teile, die keine ganz kleine Minderheit waren. (Natürlich fällt da einem nicht nur der 2. Weltkrieg ein.)

Die Oper spielt, da wurde vorsorglich schon davor gewarnt, in einer Abteilung eines IKEA-Kaufhauses oder eines anderen Bettenmöbelladens. (Auch hier haben die beiden "Einführer" versagt, denn auch wenn es kein Kultursponsoring war, ist jede Ware eine Werbung für die nächste - und Kultursponsoring ist ein nicht zu übersehendes Elend allemal.)

Kurz zur Musik, dem Wichtigsten hier: Am Anfang etwas leise und als hätten die Musiker und der Dirigent noch etwas kalte Finger und müssten sich erst erwärmen. Dann aber mal in Fahrt ging es richtig los; ausgezeichnete SängerInnen. Gegen Ende hin (4. Akt) wird das Ganze etwas zäh, wir sind eben das "Baden" in jenen vorkatastrophischen Gefühlen nicht mehr gewöhnt, können es nicht mehr goutieren, vermutlich weil das bei uns Dauerzustand ist.

Die bürgerliche Oper ist Schein; sagen wir es deutlich: Wenn jemand singt, dann betrügt er. Denn es gibt keinen Grund zu singen. Die Lage ist ernst genug. Dass sie das nicht erst seit gestern ist, ist kein Gegenargument.

Hier würde nun der affirmative Kulturwissenschaftler einwenden, dass die Leute sich doch auch mal erholen dürfen, abschalten usw.; das ist aber das Problem, was hier abgeschaltet wird. Hier wird sich erholt, damit es morgen so weiter geht!

Die bürgerliche Oper im Möbelhaus ist ein Missverständnis. Mozart ist veraltet, daher auch ein bisschen revolutionäres Wortgeklingel in der Einführung, und auch "MeToo" ist ein eher zweifelhafter Versuch der Aktualisierung.

Das ist ein bisschen wie wenn ich in ein Heimat-Museum gehe, dort einen alten Schuh sehe, dann diesen heraus nehme und putze. Wird das der Straßensituation vor 200 Jahren gerecht?

Was an der bürgerlichen Oper zeitgemäß sein könnte, wäre der schöne Schein, der sich ernst nimmt als Schein, aber nicht undurchdringlich präsentiert wird. Der historische Moment, in dem sich ein Windzug im Vorhang verfängt, wäre einzufangen im Bild.

Seltsam, es waren sicher die Konservativen und Reaktionäre, die es bei uns so reichlich gibt, die die Regisseurin am Ende ausgebuht haben, während Musik und Sängerinnen ordentlich beklatscht wurden. Ich saß leider wieder neben solchen Klatschonkels bzw. -Tanten, die nicht aufstehen wollten...

Worin haben die Konservativen Recht? Diese Art von Opernmodernisierung, die den Schleier des Unwirklichen beiseite schiebt, um einer Aktualisierung willen, die das Stück nicht her gibt. Nochmals und deutlich: Was vor der französischen Revolution revolutionär war, oder doch besser, Verhältnisse in Frage stellte und zum Tanzen und Singen brachte, das ist es in unsere Gesellschaft nicht mehr, auch wenn die Klassenunterschiede immer krasser werden. Das Recht der ersten Nacht wird heute mit viel Geld bezahlt, und das heiligt alle Mittel. Uns an dem formellen Aufheben der Standesunterschiede zu erfreuen, wärmt nicht wirklich, auch wenn man mit Schauder an jene Verhältnisse zurück denkt. Herrschaft über Menschen ist immer noch, aber diese ist so nicht/kaum erfahrbar, dazu brauchen wir moderne Opern und andere Musik.

Hier hören wir ein Museum, und wollen uns gerne in andere Zeiten mit anderen Kostümen und anderer Musik entführen lassen - damit wir träumen. Träumen aber nicht vom Immergleichen, sondern von Überschwang und Regellosigkeit. Aber die hat man nicht, wenn Leute auf Betten herum hüpfen, wie es gerade in Opern so die Mode ist (z.B. "Die tote Stadt", aber dort hatte das seine Berechtigung.)

Wir gingen dann nach Hause und haben gut geschlafen...

Empfehlung:

Theodor W. Adorno: Bürgerliche Oper. In: Adorno, Theodor W.: Musikalische Schriften I-III. (= Ges. Schriften, Bd. 16). Frankfurt/M, 4. Aufl. 2017

11:05 02.12.2019
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