Chelsea Hotel

Unterhaltung Ein musikalischer Abend mit Motiven aus Sam Shepards Cowboy Mouth Regie Sébastien Jacobi. Musikalische Leitung Max Braun, Hanna Plaß
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Das Chelsea Hotel in New York sei ein Mythos, lese ich. Wer da alles abgestiegen ist! Die Liste wird im Stück vorgetragen - beeindruckend. Im Stück steht das Hotel kurz vor dem Abriss, das muss wohl so sein, so verlangt es der Mythos. (Sonst kommen die Touristen…) Das Bühnenbild ist surreal, die Schauspieler erinnern, noch bevor ein Video die Bühne mit Schlemmers Figuren (Triadisches Ballett) bestrahlt, an diese. Der erste Schauspieler trägt einen Raum- oder Taucherhelm, eher ersteres.

Im Foyer des Theaters war ein Warnschild, dass es laut werden wird, weswegen Ohrstöpsel zur Verfügung gestellt werden. Das ist beim normalen Theaterpublikum, d.h. dem schon älteren, eher von Vorteil, hier waren erfreulich viel Jüngere gekommen, die sicher von ihren Konzerten Entsprechendes gewöhnt sind.

Im Hintergrund der Bühne, noch hinter einer Fensterwand, davor nahm eine Band Platz, sah man einen abstrakten Expressionisten, ich glaubte, das war ein Pollock, den man von der Staatsgalerie her kannte, oder zumindest an einen erinnerte, der dort hängt. (Über Pollock und die entsprechende Kunstrichtung siehe: Frances Saunders, 2001, Wer die Zeche zahlt... Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg.)

Vielleicht hatte Frau Lange (Die Vorstandsvorsitzende der Staatsgalerie in Stuttgart) ihn ausgeliehen? Nachdem Herr Petras, der Intendant des Stuttgart Schauspiels inzwischen auch Opern macht, warum sollte Frau Lange nicht auch ihre Fühler ins Theater ausstrecken und bald dort ein Stück inszenieren, z.B.: Wie wird man sein Stamm-Personal los und tut was für gute Freunde? Könnte endlich mal was Realistisches im Stuttgarter Theater werden.

Das war also eine Nummernrevue, ein Konzert mit Rock- oder Popmusik, unterschiedlich gut gesungen, d.h. manches auch ganz gut und ansprechend. Mit Theater hatte das wenig zu tun. Warum dieses „Stück“ im Kammertheater seinen Platz bekam? Immerhin ist es meistens ausverkauft, spricht also ein Publikum an, das ansonsten vom Staatstheater immer weniger angezogen wird. Herr Petras hat daraus schon die Konsequenz gezogen, bei Frau Lange müssen wir noch warten.

Dass die Oberen und das heiß hier vor allem ihre künstlerischen Satrapen etwas lernen, ist leider nicht zu erwarten.

Die Atmosphäre eines Hotels kann man kaum dadurch zum Leben erwecken, indem man Musik und Texte der Künstler, die dort wohnten und arbeiteten, reproduziert. Und warum sollte man das auch? Um etwas von der Boheme-Atmosphäre auf das Stuttgarter Publikum auszustrahlen, damit sich dieses einen Abend lang etwas stylisch fühlen kann, oder auch nur einen Vorgeschmack auf die kommende Silvesterparty erhält? Während Stuttgart im voraussehbaren Feinstaub versinkt, wozu die vielen Baustellen von S21 ein Übriges tun, ist verschärfte Unterhaltung angesagt, damit man das Elend vor der Türe mal für ein paar Stunden vergessen kann. Das heißt, kein Theater, das den Verstand anspricht, sondern eines für den Bauch. Der bekam seine Vibrationen ab und so war das Publikum gut unterhalten, was man spätestens am Applaus und der Zugabe bemerken konnte. Da kann man nichts dagegen schreiben.

10:22 22.12.2016
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