Danach: Die Stuttgarter Zeitung

Horvath 3. Teil
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Wenn man die Kritik in der StZ liest, kann man merken, wie das Stück für die Bürger zurecht gemacht wird: Da ist von Helden(!) die Rede, die es bei den Nazis nicht gibt, aber auch nicht bei den Sozis, die sich selbst zerfleischen!? Wer hat wen 1914 verraten und aus der Partei und in die Schützengräben gedrängt?*

Wer liebte den König so sehr, dass er die Monarchie retten wollte, hasste aber die Revolution wie die Todsünde? Und deren Scheitern barg den Keim für das folgende Unheil. (Und so barg die kapitalistische Restauration nach 1945 wiederum die Grundlage für neue Kriege usw.usf.)

Dann das "sozialpsychologische Holz" aus dem Nazis und Sozis geschnitzt sind. Nicht ganz falsch, partiell, aber auch nicht der Kern der Sache. Der Jungsozi muss über die Behandlung seiner Freundin stolpern, sonst wäre ja er der Held! (Und was für ein Vorbild?!)

Zum Schluss gibt bei der StZ Ironie, die habe ich nicht gesehen.

Wenn von Helden die Rede ist, ist die Ehre nicht weit. C. Bieito hat die Ehre erfahren, die Theatersaison eröffnen zu dürfen. Herr Müller, der Kritiker der StZ, findet, dass er sich dieser Ehre "nur mit Einschränkungen" würdig erweist. Er schreibt aber nicht, wo Bieito unwürdig war. Wir vermuten, dass Herr Müller die "Mätzchen" vermisst, die man sonst mit Bieitos Inszenierungen verbindet. Oder "glaubt" Bieito zu sehr an die Macht des Stoffes, der keiner Aktualisierung bedarf?

Wie könnte man anders mit dem Stück umgehen? Seine Stärke und Schwäche erkennen? Seine Stärke ist, dass es einen bestimmten historische Moment hellseherisch zuspitzt, um ihn auf die Theaterbühne bringen zu können. Was seine Schwäche betrifft, das ist die gesellschaftliche Situation, in der es die historischen Akteure (SPD und KPD) nicht geschafft haben, trotz entsprechender Bemühungen, z.B. seitens der KPD-O*, gemeinsam die faschistische Partei zum Teufel zu jagen.

Heute wird vor der AfD gewarnt, aber vom Kapitalismus bzw. seiner neoliberalen Ausprägung geschwiegen. (Auch oder seit) Vom Jugoslawienkrieg her wissen wir, wozu Rot-Grün, vom kommenden Schwarz-Braun ganz zu schweigen, fähig sind. Also, wie beim Klima, die, die sehen wollen, können das kommende Unheil sehen. Die anderen hören mit wohligem Schaudern die "Wacht am Rhein", und gehen anschließend weiterhin ihren Geschäften nach. (Aber das kann man natürlich dem Theater nicht vorwerfen.)

Wenn das Horvath Stück ein programmatischer Auftakt der Stuttgarter Theatersaison ist, dann sind wir sehr gespannt auf seine Fortsetzung.

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* Aus lokaler Sicht zu den Anfängen der Parteispaltung bzw. "Selbstzerfleischung".
Über Friedrich Westmeyer siehe: https://manifest-verlag.de/neu-theodor-bergmann-u-a-friedrich-westmeyer/

* Siehe Theodor Bergmanns Buch "Gegen den Strom". Die Geschichte der Kommunistischen-Partei-Opposition. (Muss man wohl in die Bibliothek gehen oder es antiquarisch kaufen.)

10:11 23.09.2019
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