Der aufhaltsame Abstieg der Linken

SPD/Linke Dämmerung
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Auch ich fühle mich bemüßigt, etwas zur Wahlniederlage von SPD und Die sogen. Linke beizutragen. OK, anders wäre es mir im letzten Falle lieber, aber dann würde ich mich doch noch mehr wundern. Die neuerliche Niederlage dieser beiden real übrig gebliebenen sozialdemokratischen Parteien ist m.E. selbst verschuldet, und nicht, wie man jetzt bei linken Politikern, wie immer nach diesen Niederlagen, lesen kann, der mangelnden Nähe vor Ort, obwohl das auch ein Problem ist!, oder wg. der Themen, die andere bestimmten und bestimmen konnten (Warum?) usw. geschuldet. In ND (Neues Deutschland, da wäre auch mal eine Umbenennung sinnvoll) standen gestern ein paar spontane Ansichten über die Gründe für diese Niederlage, die freilich nicht weiter interessant sind. Interessant an diesem Artikel war der Aufbau und der Schluss. Denn zum Schluss durfte der staatstragende Regierungssozialist Steffen Bockhahn die beiden Parteivorsitzenden Kipping und Riexinger für das Desaster verantwortlich machen und einen Neuanfang ohne sie fordern.

Es tut mir um den Genossen Riexinger etwas leid, den ich nur indirekt dafür verantwortlich machen wollte. Er entwickelt sich zur tragischen Figur, die den Parteiapparat reformieren wollte, die Partei auf einen linkssozialdemokratischen Kurs mit basisdemokratischer Verankerung bringen wollte; aber nun auch die Erfahrung macht, um hier mal eine Metapher zu gebrauchen, der Hund mit dem Schwanz wedelt und nicht umgekehrt. Will sagen, Rosa Luxemburg hätte an ihm, dieser Stiftung und dieser Partei wohl keine ganz große Freude. Das zu analysieren wäre seine Aufgabe, für ein demokratischen Kommunismus oder meinetwegen Sozialismus offensiv und rücksichtslos gegen die herrschende Meinung zu werben, wäre seine Aufgabe (gewesen). Nun geht seine Zeit zu Ende und wir müssen mit einem schmucklosen Abgang in die Versenkung rechnen.

Apropos Abgang: Bisher hat niemand die Wahlniederlage in Zusammenhang mit dem (erzwungenen) Rückzug von Frau Wagenknecht gebracht; ich vermute aber, dass es da Zusammenhänge gibt. (Das liest man inzwischen auch, z.B. NachDenkSeiten).

Ich möchte der "Linken", d.h. den Herren Bartsch und Bockhahn gerne ein soziologisches Experiment vorschlagen: Herr Bockhahn wird neuer Parteivorsitzender und Herr Bartsch alleiniger Fraktionsvorsitzender. Dann warten wir die nächsten Wahlen ab. Nun wissen wir ja, dass Erfahrung für die wenigsten Menschen (Politiker) ein Kriterium ist, aber es wäre trotzdem spannend. Herr Bartsch ist vermutlich etwas heller, er wird ahnen, dass es ohne einen passenden Ersatz für Frau Wagenknecht nicht geht, aber woher nehmen?

Nur zur Ergänzung, wenn es einen umgekehrten Fall gäbe, den wir uns freilich zur Zeit nicht vorstellen können, wäre damit auch kurzfristig keine Wahlerfolge garantiert. Aber das wäre auch nicht das Kriterium! Das Kriterium wäre, ob eine Partei die früher sogen. Arbeiterklasse, zu der heute auch ein Großteil der (prekären) Akademiker gehört, erreicht, sich als ihre Interessenvertretung etablieren kann und ihre Klasseninteressen konsequent vertritt. Dann bekommt sie auch wieder Zustimmung und nicht nur als Kreuzchen.

Die Linke geht vom Sinkflug in der Sturzflug über, auch bei ihren Medien, nicht nur im ND ist das feststellbar, z.B. auch im "Argument". Das ist schlimm, weil es dann keine Orte mehr gibt, wo marxistische Theorie sich vorstellen und zeigen kann, wozu sie nützlich ist. Leider ist auch hier das Licht schon des längeren nicht mehr ganz helle, und so müssen wir neue Orte / Medien finden, wo eine radikale Analyse dieser Gesellschaft möglich ist, und wo man aus Fehlern lernen kann; das wäre freilich das Schwerste überhaupt. (Und nebenbei bemerkt, frei nach Lenin, das Kriterium eines Kommunisten.)

22:11 03.09.2019
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