Der digitale Weltkrieg

Albträume versus Aufklärung
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Huib Modderkolk: Der digitale Weltkrieg den keiner bemerkt. Ecowin 2020

Das Buch ist von einem niederländischen Journalisten, der sich auf die Sphäre der Geheimdienste spezialisiert hat, deren Welt und Aktivitäten sich zunehmend in die virtuelle des Internets verlagern. Freilich lernt man schnell, dass diese "Welt" eng mit der materiellen verknüpft ist, und wenn ein Anschlag erfolgt, Menschen sterben können, von den immensen materiellen Schäden ganz zu schweigen.

Ich bin kein Hacker und meine edv-Kenntnisse sind eher dürftig, trotzdem habe ich das Buch gut verstanden. Das liegt an der Fähigkeit des Autors, schwierige Sachverhalte verständlich darzustellen. Das ist in diesem Feld, wie jeder weiß, eine große Kunst.

Modderkolk schreibt über seine Arbeit, sein Umgang mit Quellen, v.a. aber beschreibt er einige beeindruckende Fälle von Cyberspionage und -sabotage oder auch -kriminalität und -terrorismus. Gefühlt liegt das Schwergewicht dabei auf der Bedrohung, die aus dem Osten kommt, v.a. von russischen Hackern, die mit staatlicher Unterstützung arbeiten oder den chinesischen. Erfreulicherweise schaut er aber auch auf unsere Verbündeten, die uns genauso ausspähen. (Er hat sogar Snowden getroffen.) Leider nichts zu Julian Assange, der den Bankrott des europäischen Rechtsstaats und Souveränität symbolisiert. Oder dessen Doppelmoral, wenn man an die jüngsten Boykottmaßnahmen gegen Russland denkt. Aber der Westen war in der Wahl seiner Dissidenten (Marionetten?) nie besonders wählerisch, schon früher nicht, wie wir ja (leidvoll) zur Kenntnis nehmen mussten.

Das Buch schildert Fälle von Hackern und ihren "hacks"; beeindruckende Fälle. Es zeigt, wie sensibel die moderne Infrastruktur ist, wie "bequem" es für Spione oder "Terroristen" heute ist, sich von einem sicheren Ort in fremde Länder zu hacken und dort großen Schaden anzurichten. Im Hinterkopf erinnern wir uns an manche der dann bekannt gewordenen Skandale - etwa die russische Einmischung in den US-amerikanischen Wahlkampf mit dem fatalen Ergebnis: Trump.

Es zeigt auch, dass die naive Einstellung vieler Menschen: ich habe doch nichts zu verbergen, keineswegs vor Cyberkriminellen schützt.

Viele Fragen ergeben sich daraus:

1. Ist das Buch nun trotz differenzierter Sicht eine Werbung für eine drastische Erhöhung des Etats der staatlichen und geheimdienstlichen Cyberabwehr? Verschlafen wir hier eine Entwicklung mit möglicherweise fatalen Folgen oder wird hier einmal mehr: der Bock als Gärtner angestellt?

2. Sind die Masse der Menschen überhaupt für die neue Welt gebildet und sorgfältig genug? D.h., passt der sorglose Umgang vieler mit ihren privaten Daten bei Google, Facebook überhaupt in unsere Zeit? Umgekehrt ist das überhaupt machbar z.B. das Elementarste, ein sicherer Umgang mit guten Passwörtern? - Bei jedem Zugang ein anderes Passwort, Groß- und Kleinschreibung usw., mindesten 8 Ziffern usw., und die natürlich nicht auf einem Zettel unter der Tastatur aufbewahren... Sind wir da nicht (absichtlich) überfordert?

3. Der Staat und viele Unternehmen zwingen uns ins "Netz", dort sind wir dann die Fische, die in vielen Netzen gefangen werden. Zum Teil ist das natürlich so bequem wie online-banking und Filme streamen; dass dabei die wirkliche, materielle und auch mechanisch/sinnliche Welt leidet/verschwindet, steht dahin.

4. Die ältere Generation hat noch etwas anderes erlebt und schaut mit grusligem Entsetzen auf die jungen Leute, denen das Smartphone nicht mehr aus der Hand geht. (Freilich, es gibt auch andere, wenige.) Sie schaut auf den Zerfall der Bildung, den aber auch schon Generationen vor ihr beklagt haben, was aber den neuen Fall nicht widerlegt. (Zumindest in meiner Generation ist die Zurichtung der Bildung auf vermeintliche Marktbedürfnisse eine Erfahrung, und was soll man von Politikern mit ihren billigen "Dr." auch erwarten? Aber das Versagen der Universitäten und Akademien bzw. deren Repräsentanten ist in den jüngsten Krise mal wieder evident geworden. Der Druck ist für viele zu groß geworden, das merkt jeder, der nicht in die Pandemie-Hysterie einstimmt und das Impfen für das Nonplusultra einer Gesundheitspolitik hält.)

Der Untertitel ist etwas "for show", denn ein erfolgreiches Buch über etwas zu schreiben, das keiner bemerkt?

Wenn man diesen Krieg beenden will, wird das nicht ohne Kontrolle (Demokratisierung) dieser Dienste gehen, denn in diesem Bereich ist es schwer, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, zumindest was die staatlichen Geheimdienste angeht. Und selbstverständlich muss die (Cyber-)Macht der bekannten Konzerne Amazon, Facebook, Google etc. zerschlagen und in kontrollierbare Grenzen zurückgedrängt werden.

Es gibt also eine individuelle Reaktion und eine gesellschaftliche, beide gehören zusammen, wie in der Ökologie auch, und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Aber ohne eine gesellschaftliche Kontrolle der Produktivkräfte und der Produktion scheint das mit der "Freiheit", bevor der Traum verwirklicht wurde, schon wieder in Vergessenheit zu geraten - oder nur noch als Albtraum virulent.

Dazu passt:

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt/M 2018.

* Oben ist kein Sternchen - für die Sterngucker!
Ich kann es nicht lassen, aber ab und zu steht in der FAZ ein interessanter Artikel:
Fällt Gesundheit vom Himmel? Mitten in der Pandemie fliegen der Politik die Millionen Menschenleben um die Ohren, die das Verfeuern fossiler Brennstoffe gekostet hat. Von Joachim Müller-Jung. In: FAZ vom 15.2.21, natürlich im Feuilleton...

11:32 23.02.2021
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