Der Menschenfeind

Stuttgarter Schauspiel Nicht ich, sondern von Molière
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Einen Tag später, am Abend, kann man da noch eine Kritik schreiben? Oder ist das Meiste schon wieder vergessen? Vielleicht nicht schlecht, einen Tag zu warten, und dann zu fragen, woran erinnert man sich noch, oder: wird etwas bleiben?

Nun, das Stück ist zweifellos gut (Frühaufklärung) und über Molière müssen wir kein Wort verlieren. Das Problem ist bei diesen Stücken aus dem 17. Jahrhundert, also noch von vor der französischen Revolution, was sie uns heute noch sagen? (Außer einem bunten Abend!)

Klar ist, dass vermutlich die wenigsten aus dem Publikum die zeithistorischen Anspielungen verstehen können, das Eingebettet-Sein in die höfische (aristokratische) Gesellschaft. Für sie wird das Stück in ewige Fragen der Menschheit verwandelt, die nun nicht ewiger sind, als die Gesellschaftsformen, die den "Menschenfeind" hervorbringen.

Man könnte das Stück natürlich radikal in unsere Zeit verlegen, mit entsprechenden Anspielungen auf unser Rechtssystem, unsere (einige) Dichter und Höflinge (Politiker); Anschauungsmaterial würde man auch in diesem Premierenpublikum finden und natürlich erst recht darüber hinaus.

So mutig ist Frau Sonnenbichler leider nicht, und der Intendant schon gar nicht. Für die, die sich besser auskennen, erinnert das Stück an die Inszenierungen von Herbert Fritsch, in dem die Schauspieler wie dekadentes oder besser halluziniertes Rokoko aussehen und sich zur Musik seltsam "tänzerisch" bewegen. Diese Art der Inszenierung ist einmal nett, das zweite mal vielleicht auch, hier in Stuttgart fing es die eine oder andere Kennerin an zu langweilen. Das konnten die unter dem Bühnenhimmel spielenden Musiker auch nicht verhindern, vielleicht machten sie manches auch schlimmer oder auch nicht, indem sie über Längen hinweg spielten. Zum Schluss schafften sie es, dem schon müden Applaus nochmal Fahrtwind zu geben.

1:45 Stunden ohne Pause hält man das aus, und der eine oder andere Witz erheitert einen. Insofern war der Abend nicht missglückt, aber kaum in bleibender Erinnerung. Für die Jüngeren unter meinen Lesern lohnt sicher ein Besuch. Auf den großen Wurf, den Angriff auf das dekadente Establishment (Elite) müssen wir noch leider warten.
Derweil wird in unserem Theater die Vernunft (Wahrheit) in verzerrter Form (wie gesagt Frühaufklärung) weiter demontiert. Die Oberen wird es erheitern.

PS: Ich freue mich über meinen 4. Leser, auch wenn ich mir schwer vorstellen kann, dass ihn dieser Stuttgarter Schmonzes besonders interessiert. Aber bald geht's nach Paris...

19:32 24.02.2019
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