Der Tod in Venedig

Oper Stuttgart Tanzen und Singen und eine alte Novelle
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Oper Stuttgart

Benjamin Britten

Der Tod in Venedig

Death in Venice

Libretto von Myfanny Piper

nach einer Novelle von Thomas Mann

Stuttgarter Ballett

So kann man von oben nach unten das Programmheft (Deckblatt) lesen, ohne die typographischen Hervorhebungen hier wiederholen zu wollen oder zu können.

3 Stunden lang, am Ende heftiger Applaus.

Welche Rolle spielte Thomas Mann an diesem Opernabend, eingezwängt zwischen „Oper“ und „Ballett“ in Stuttgart? Eine geringe, möchte ich behaupten.

Das schon im Vorfeld gelobte Bühnenbild entpuppte sich als eine Art ineinander ge- und verschachtelte Reihe Duschkabinen bzw. -Kabinenwände, beschlagen, nur schemenhaft den Blick durchlassend. Aber durch die Stuttgarter Zeitung war ich gewarnt, es ging mehr um das Innen- bzw. Traumleben des staatlich anerkannten Dichters von Aschenbach, dem die Haltung im Laufe des Geschehens in jeder Hinsicht abhanden kommt. Einerseits halluziniert er z.B. einen vergoldeten tanzenden Gott(?), andererseits Jünglinge in Badehosen. Er selber steht am Ende mit Kapuzenpulli und etwas beschmiert und bekleckert da. Dabei wollte er sich doch schöner und jünger machen; aber vielleicht war das die Ironie im Stück?

Das Bühnenbild in denkbar größtem Kontrast zur Novelle, zum morbiden Charme der sterbenden Stadt, dafür aber ordentlich Kitsch bis zum geht nicht mehr. Kitsch in der Dusche sozusagen, die einen Traum vorstellen soll, den ich mir nicht geträumt hätte. Die Musik tonal milde, keine atonales Aufstöhnen oder Verzweifeln, sondern im Rahmen der Hörgewohnheiten bleibend.

Man muss heute auf der Hut sein, wenn Theater ankündigen, nach „Innen“ gehen zu wollen und sich den Menschen vorzunehmen: Ein paar Tage vorher waren wir in Kafka'24, ein tschechisches Stück, das in Berlin aufgeführt wurde, und das das letzte Lebensjahr von Kafka sich vornahm. Ja, nicht leicht über Kafka noch was Neues zu erzählen… Das Stück hatte auch mit Kafkas Texten wenig gemein, es hätte auch das letzte Jahr von Herrn Müller sein können. Auch bei diesem ging es rel. trostlos zu Ende.

Die Oper „Der Tod in Venedig“ wurde vor kurzem auch in Berlin aufgeführt. Man fragt sich: Warum? Habe ich irgendein Jubiläum verpasst?

Die Novelle zählt m.E. nicht zu den besten von Thomas Mann, sie erzählt vom Zusammenbruch einer Fassade, eines vorgestellten und hart erarbeiteten Lebens. Sie erzählt vom Einbruch eines verdrängten Lebens. Freilich geht es dabei, wie eine meiner Begleiterinnen etwas pikiert anmerkte, um Knabenliebe; da seien mal die geläuterten Grünen vor! Da brauchte es wohl all den Götter- und Knabenkitsch hinter und vor den Duschkabinenbühnenwänden, um die Brisanz aus dem Stück zu nehmen, und auch der viele Tanz ließ keinen schwülstigen Gedanken aufkommen. Wenig vom untergehenden Charme vergangener Herrlichkeit war zu sehen, wäre vielleicht auch zu teuer als Bühnenbild gewesen.

Mein Verdacht ist, je mehr Leute auf der Bühnen tanzen und singen, desto mehr Freunde sitzen im Publikum, was aber den Applaus nicht ganz erklären kann. Nun ist auch das begeisterte Ballettpublikum eine feste Größe hier.

Vielleicht war es die Freude darüber, dass die Oper doch noch endete, nachdem Aschenbach schonmal so gut wie tot auf der Bühne lag, sich dann aber nochmals aufrappelte. Ganz zum Schluss wollte er wohl nicht warten, bis das Licht ausging, sondern stand auf, verbeugte sich vor dem Publikum – und dieses begriff, dass jetzt Schluss war. Ein Hoch der gesanglichen Leistung des Herrn Klink.

Und da die FDP, auch das brachte der Abend, nicht tot zu kriegen ist, sondern Zombie-mäßig wiederkehrt, wird sich zweifellos bald die Leistung wieder lohnen. (Genauer gesagt lohnt sich die Phrase eher für die die sie verbreiten, als für jene, die darauf hereinfallen. Aber so ist das mit dem Glauben und der Religion.) Dieser Abend war aber ein Anfang. Freilich, Thomas Mann ist tot, wir haben kürzlich sein Grab besucht und uns davon überzeugt; übrigens beeindruckend in seiner Bescheidenheit. - Die Bürger in Stuttgart lassen tanzen und singen, mehr Wirklichkeit ist nicht erwünscht.

17:07 08.05.2017
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