Der Wagner-Kult und die Folgen.

Hitler gegen Mann u.U. Um Wagner
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"Das Ohr ist ein williges Organ, durch das Ohr lässt sich der Kopf am leichtesten betrügen." Carl von Ossietzky: Richard Wagner (1933)

Einen Hinweis auf zwei kulturwissenschaftliche bzw. kulturhistorische Bücher zu geben, von deren zentralem Gegenstand man eigentlich bisher nichts wusste und verstand, ist sicher etwas gewagt. Vielleicht weniger, wenn man bekennt, dass man nach deren Lektüre nicht nur ein bisschen, sagen wir - was Wagner und die Folgen angeht, besser informiert ist.

Dabei kommt mir, dass meine Mutter wohl auch eine gewisse Wagner Affinität besaß, erinnere ich mich an ein paar kleine Schallplatten in ihrem Bestand: Etwas aus Tannhäuser und der Walkürenritt, übrigens den einzigen Teil von Wagner, den ich in Bayreuth mal hören durfte, derweil die Kartenbesitzerin, eine Wagnerianerin, eine Pause zu meinen Gunsten einlegte. Beeindruckt war ich freilich am meisten von der Bratwurst mit Trüffeln, die dort um etwas über 10 Euro angeboten wurde. Ich bereue bis heute, diese nicht probiert zu haben.

Nun, man muss freilich vorsichtig sein, was den Musikgeschmack meiner Mutter angeht, gab es da auch viel Udo Jürgens und noch von einer Oma her, einer der schlimmsten und zum Glück vergessenen: Heintje. Schätze, meine Oma mochte dessen "Oma so lieb"... Zu deren Bestand gehörte ein Platte, die leider unauffindbar verloren ging, es war auch ein Single, die ich singenden Lachsack nenne, wo nur ein Haha rauf und runter gelacht wurde - übrigens nicht sehr musikalisch. Im Nachhinein, denke ich, das war eher eine Horrorplatte, denn irgendwie lustig. Das grundlose Lachen hat immer etwas Irres an sich. Und diese Lachplatte hätte gut in eine Geisterbahn gepasst, als Stimmungsaufheller war sie nicht wirklich geeignet.

Wagner war die längste Zeit meines Lebens kein Thema, obwohl ich Adornos Text über Wagner selbstverständlich gelesen, aber nun wenig, d.h. das Nicht-Musikalische, verstanden habe. Wagner war eben Faschismus und Bayreuth der Blocksberg der Bourgeoisie, die dort ihrem reaktionären Idol huldigten.

Das war nicht ganz falsch, aber doch zu einfach. Irgendwann in meinem Leben lernte ich Marxisten kennen, die dorthin regelmäßig fuhren, in der Nähe zelteten, als sie noch jung waren, und dann im Frack dort ihren Meister goutierten.

Dass auch Ernst Bloch, Hans Mayer und v.a. Thomas Mann ihren Wagner schätzten, ohne dessen dunkle Seiten zu verdecken, lernte ich erst jetzt durch diese beiden Bücher.

Lohnt sich die Beschäftigung mit Wagner v.a. natürlich für die Menschen, die seiner Musik nicht "verfallen" sind? Diese beiden Bücher zeigen den Kampf um Wagner, den Thomas Mann in Deutschland verloren hatte, als er 1933 aus der Wagner-Stadt-München vertrieben wurde, und auch nach dem Krieg nicht mehr wirklich gewann, auch wenn es einen Neuanfang in Bayreuth gab.

Über das kulturelle Erbe nachzudenken - und wie damit umzugehen sei, stellt sich heute in Anbetracht einer immer mächtiger werdenden Kulturindustrie, die alles relevante vereinnahmt und verdaut, als ziemlich ohnmächtiges Unterfangen dar. Es bleibt aber doch jenes kleine Glück der Erkenntnis, wenn man ein neues Feld der Kultur und des Kampfes um und in dieser Kultur betritt, Bekanntes entdeckt, Querverbindungen, aber auch Neues, und Licht auf unbekanntes Terrain geworfen wird. Die beiden dicken Bücher haben den nämlichen Gegenstand, der Kampf um Wagner, der in vielen Anläufen aus unterschiedlicher Perspektive, durchaus nicht wiederholungsfrei, aber immer interessant, unternommen wird.

Verirrt man sich ab und zu in die Oper, was spricht dagegen, diese etwas ernster zu nehmen und sich damit zu beschäftigen? Was spricht dagegen sich mit der kulturellen Verführbar des deutschen Kulturbürgertums zu beschäftigen, das so offen für Bayreuth, Chamberlain und dann Hitlers Wagner und Wagners Hitler wurde, dass dessen Indienstnahme so wenig entgegenzusetzen wusste? Am wenigsten dessen Antisemitismus.

Was ist aus der anschließenden Weißwaschung (nach 1945) der Beteiligten zu lernen? Und was dürfen wir heute vom Kulturbetrieb (nicht) erwarten?

Liest man die zwei Bücher, ist man hinterher deutlich besser informiert, hat Appetit auf mehr (z.B. Hans Mayer über Wagner), hat aber auch ein deutlicheres Bild von dem Schrecken bekommen, der mit dem Namen Wagner verbunden ist, - nun das Studium dieser beiden dicken Studien - es hat sich zumindest für den Schreiber dieser Zeilen gelohnt, auch weil sein Verständnis von Thomas Mann gefühlt deutlich gewachsen ist.

Und dass der Autor, Hans Rudolf Vaget, vor langer Zeit in Stuttgart mit dem Wagner-Virus infiziert wurde, ist nebenbei bemerkt, der damaligen Stuttgarter Oper durchaus und hoch anzurechnen.

Weihnachten naht, Sie suchen ein Geschenk? Hier wären zwei:

Hans Ruolf Vaget: Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik. Fischer 2012

- : "Wehvolles Erbe". Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann. Fischer 2017

18:52 17.12.2018
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