Die Selbstgerechten

eine andere "Erzählung" eingeschränkter Lektüretipp
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Meine lieben Leserinnen und Leser,

vor mir liegt das neue Buch von Frau Wagenknecht, das im Untertitel sich für Gemeinsinn und Zusammenhalt ausspricht. Um es gleich selbstkritisch anzumerken, ich habe es bis S. 70 geschafft, nun muss ich aber doch einiges loswerden. Zuerst: ich bin für Klassenkampf und Solidarität, aber letztere muss natürlich genauer betrachtet werden.

Vom früheren Kommunismus und Marx ist nichts mehr übrig, was man einmal mehr mit Bedauern zur Kenntnis nehmen muss. Es scheint, der Übergang von einem stalinistischen Kommunismus bzw. Marxismus zur Sozialdemokratie ist leichter als eine Analyse der Fehler der kommunistischen Bewegung und ein Lernen daraus.*

Was wir auch hier finden, ist eine Romantisierung der sogen. kapitalistischen Leistungsgesellschaft, die ihre Zeit angeblich in den 50er und 60er Jahren hatte. Unterbelichtet ist, dass es dafür auch Voraussetzungen gab, die sie nicht erwähnt: 1) Der verlorene Krieg hat die deutsche Bourgeoisie so geschwächt, dass sogar die CDU von Sozialismus faselte. Natürlich nur vorübergehend, bis die kapitalistische Reaktion stark genug war, diesen Ballast wieder abzuschütteln. 2) Die Gewerkschaften waren nach dem Krieg deutlich klassenbewusster als heute und habe gekämpft und gestreikt, wie es heute kaum noch vorstellbar ist. 3) Der kalte Krieg und der Ausbau und Aufrüstung des Westen gegen den Osten (mit Hilfe der USA). 4) Die "Gastarbeiterthematik", also die Unterschichtung der deutschen Arbeiterklasse, die laut einem Soziologen eine Art Fahrstuhleffekt nach oben für die einheimische Arbeiterklasse hatte. 5) Die "Intelligenz" wurde eine Massenschicht durch die Öffnung der Universitäten.

Alle diese und vielleicht noch vergessene Faktoren waren historisch einmalig und sind nicht wiederholbar. Als Erinnerung an bessere Zeiten taugen die 50-60 Jahre wenig, v.a. wenn man noch die politische Landschaft, CDU Vorherrschaft, Integration der alten Nazis, Kommunistenverfolgung und Berufsverbote usw. mitdenkt.- Das mit der Leistungsgesellschaft war immer schon ein Mythos der Mittelschicht, worüber es auch nette Romane gibt. Es war früher keineswegs besser, es war anders. Und ein altes ideologisches Modell wieder aufzuwärmen ist nett, das ist aber so fruchtbar, wie wenn man die Grünen an ihre Anfänge erinnert oder den einen oder anderen SPDler an seine Juso-Zeit. Vorbei, du kehrst nicht wieder.

Man könnte noch mehr kritisch anmerken, etwa, wenn sie schreibt "die Politik". Dazu gehören Namen und Gesichter sonst wird das zu pauschal, weil es auch eine andere Politik geben kann, worauf sie ja zurecht hinweist.

Noch mehr lässt sich ergänzen, in meinem Viertel wohnte keine Oberschicht, es gab freilich vielfältige Wohnungsgenossenschaften, die bezahlbaren Wohnraum anboten. (Es ist immer wieder an die Geschichte der Neuen Heimat zu erinnern! Daraus ist auch zu lernen.)

Trotzdem: das Buch ist eine Freude, weil es den Blick auf die richtet, die im Dunkeln sind, und nicht auf die, die sich nach vorne drängeln. Wer politisch aktiv ist, kennt das Elend mit den Sonderinteressen, die subjektiv verständlich, aber objektiv eine sozialistische Partei unmöglich machen. Sie zerfällt in sich partikular bekämpfende Gruppen. Dabei ist das größte Elend bis auf S. 70 noch gar nicht erwähnt: Die Integrationskraft der bürgerlichen Gesellschaft, speziell des Parlamentsbetriebs mit seinen vielen schönen Pöstchen und der damit verbundenen Privilegierung einer Bürokratenschicht. Ein ungelöstes Problem für die Linke; die (formellen) Ansätze mit Rotation und Zeitbeschränkung - kamen nicht sehr weit.

Warum gefällt mir das Buch trotzdem?! Ich würde das, was Wagenknecht "Erzählung" nennt, Ideologie und das, was sie macht, Ideologiekritik nennen. Und die ist dringend nötig. Sie schreibt lesbar und legt den Finger in offene Wunden und beweist für ihre Partei ordentlichen Mut. Für die gegenwärtig herrschende schwarzgrüne Ideologie ist das starker Tobak. Erst recht für eine Linke, die in der Corona-Krise schrecklich versagt hat, und deren wichtigstes Anliegen es scheint, die Reputation des Parlaments zu retten. Da danken wir recht schön.

Frau Wagenknecht steht auf verlorenem Posten, was ihre Stellung in ihrer Partei angeht, das vermute ich, aber auch, was ihre "Erzählung" einer besseren Zeit angeht. Ob das Leistungsargument geeignet ist, die reichen Erben und Kapitalbesitzer einzuschüchtern und umgekehrt die wahren Leistungserbringer in Stellung gegen diese zu bringen - wir zweifeln daran und gehen noch weiter zurück als zur Nachkriegssozialdemokratie und ihre Mythen ("Mittelstandsgesellschaft") zu Marx und Engels, zur Pariser Kommune + Enteignung der Banken, zu Luxemburg (nicht mit der gleichnamigen Stiftung zu verwechseln), zu Thalheimers Faschismustheorie, der vielleicht eine andere Meinung zu den Querdenkern gehabt hätte als die lokale Antifa, und eine andere Politik befürwortet hätte, aber da sind wir auch mitten in einer anderen "Erzählung", die gelegentlich fortgesetzt wird.

PS: Und da der Mietendekel von den Freunden der Immobilienunternehmen und des leistungslosen Einkommens gekippt wurde, scheint es mir umso dringender: Deutsche Wohnen usw. zu enteignen. Aber wir sitzen im Lockdown, dürfen nicht heraus, während die anderen Politik und vielleicht bald Krieg machen...

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* Buchtipp z.B.: Bergmann, Theodor und Mario Kessler: Ketzer im Kommunismus. 23 biographische Essays. 2000 Hamburg

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PS: Ich stelle den Text auch deswegen schon ein, weil man ja nie weiß, wann einen der Todeskuss des Virus ereilt. Und impfen möchte ich mich aus den bekannten Gründen mit AstraZeneca nicht lassen, und Pfizer ist eine .. Firma, siehe den Beitrag von Füllgraf über Pfizer in den NachDenkSeiten, deren Profitrate ich nicht steigern möchte. Pfizer kündet schon an, dass es eine dritte Impfung benötigt, und dann wahrscheinlich eine vierte. Wie nennt das der Dealer: anfixen?

Aus mir unverständlichen Gründen gibt es keinen Impfstoff, der nach der traditionellen Methode hergestellt ist. Woran mag das liegen?

11:51 16.04.2021
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