Don Carlos

Stuttgart Staatsoper Musikalische Leitung Cornelius Meister, Regie Lotte De Beer
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Sonntag Nachmittag. Warum nicht ein bisschen früher in die Oper gehen und die Einführung mitnehmen? Bisher war diese ein Vortrag, meistens von eher bescheidenem Niveau, ähnlich wie die Einführungen in die Konzerte des Staatsorchesters. "Hören Sie die Hörner?" o.ä. Obwohl diese, sagt man, langsam besser werden. Es wäre beim letzten Mal besser gewesen, die falsche Stelle, die eingespielt wurde, nicht zu korrigieren, und 5 Minuten später zu fragen, wer was gemerkt hat usw.? Aber wir wollen das Publikum nicht überfordern.

Das war wohl auch in der Staatsoper der Gedanke, den Vortrag gegen ein Gespräch - nennen wir es ungeniert ein Geschwätz - auszutauschen. Dessen uninteressanter Hauptinhalt war 1. die emotionale Befindlichkeit des Antwortenden, ich glaube, es war der Dramaturg, und 2. die historisch-philologische Zuordnung des Stoffes. Das dürfte so ziemlich das Uninteressanteste an dieser Oper sein. Hätten sie mal mehr über das Wesen der "grand opéra" berichtet, und v.a. über die Rezeptionsbedingungen damals sowie über deren Publikum. Unser Publikum in Schwaben ist da deutlich schlichter, in verschiedenerlei Hinsicht.

Die Oper möchte ich dennoch empfehlen, zumindest für Menschen mit ordentlich Sitzfleisch, denn v.a. der dritte Teil kommt einem sehr lange vor. Da wird geweint - und es will kein Ende nehmen. (Apropos Ende: Den Schluss haben wir nicht verstanden!)

Am Anfang wird dafür ordentlich "Musik" gemacht, was m.E. zur ersten Szene (Flüchtlinge?) nicht so recht passen will. Aber, man kommt in Stimmung und es schafft niemand einzuschlafen.

Besonders hat mir das reduzierte Bühnenbild gefallen, das manchmal spannungsvoll aufgeladen scheint: ein Bett mittendrin, mal idyllisch drapiert, wie man es aus einem Bild übernommen haben mag (Respekt!). Licht und Schatten, die Akteure oft mit dem Rücken zur Wand. (Was hoffentlich nicht ihre soziale Situation widerspiegelt - oder doch?)

Das Ballett kommt als Karikatur vor, aber die ist gelungen: Ein Kinder-"Ballett". Kinder sind überhaupt die halbe Miete, was zum Schluss nicht zu überhören war. Anspielungsreich: was Uniformen, Kostümierung, Gesten und Küsse angeht..

Kräftigster Applaus. So ein Klatschonkel-Paar hat (zu) lange meine Sitzreihe blockiert. Nochmals zum Publikum: Man hat den Eindruck, dass es Freikarten für Ministerialbeamte (+ Gattin) gab, diese Leute strömen, dunsten eine schwarz-grüne Biederkeit aus, die einem zu allem bereit erscheint. Hier hatte sich die gute Unterhaltung über 4 Stunden eben gelohnt. (Durch-Sitzen sind diese Leute ja gewohnt.)

Liest man das, was auf der Seite der Staatsoper als Text steht, langt man sich jedenfalls an den Kopf. Es droht uns in Europa viel, aber kein Gottesstaat, den haben wir in Ba.-Wü. ja irgendwie schon, werden wir doch von gläubigen Katholiken regiert, die freilich nicht wirklich herrschen. (Die Auto-Religion ist immer noch mächtiger als die katholische oder protestantische, auch wenn sich beide gut ergänzen und stützen.)

Leider werden in der Oper in den Kritiken selten die Rezeptionsweisen und -bedingungen thematisiert. Man verlegte hier unsere Regenbogenpressementalität (Privatleben und Öffentlichkeit) ein paar Jahrhunderte zurück - und hat seine/ihre Aktualisierung. (Aber, wie geschrieben, es gibt auch nette Anspielungen!)

Da empfehle ich doch eher: Pogue, David und Scott Spreck: Oper für Dummies. 3. Aufl. Wiley 2016. Für Fortgeschrittene: Abbate, Carolyn; Parker, Roger: Eine Geschichte der Oper. Die letzten 400 Jahre. C.H. Beck 2013. Dort erfährt man, was man bei diesen Einführungen nicht erfährt.

Grundsätzlich empfehle ich aber, die Handlung der meisten Opern, dieser auch, als sekundär zu betrachten, und die Musik zu hören. Das schielen auf die Obertitel lenkt nur ab, und ist je nach Sitzplatz sehr mühsam. Im 2. Rang ist das kein Problem, dafür schwitzten wir so sehr, dass auch die Beamten nach der Pause ihren Kittel auszogen.

Es gab bei der Bewertung einer bestimmten sängerischen Leistung noch ein, zwei Buhs zu hören, vielleicht nicht völlig unberechtigt, aber bei der Mammutleistung fand ich das übertrieben. (In der StZ ist von einem Buhsturm die Rede, den habe ich freilich nicht gehört. Schlechte Akustik? Immerhin will der Kritiker morgen durch die "Narration" der Inszenierung den schwarz-weiß denkenden Buhrufern etwas Kultur lehren... Wenn man das Private als das Politische "verkauft", u.u., müsste das schwarzgrüne Premierenherz sich doch angesprochen fühlen? Oder ist das Private, z.B. die Rente, die man als ausgeschiedener und also von der Verantwortung befreiter Politiker genießen will, gefährdet?! Wir sind gespannt. Die grüne Liste wird hier langsam länger. Zuletzt der schon vergessene Herr W.)

Aber manchmal ist das Leben doch die größere komische Oper: Da stand gestern in der SZ (online) ein Bericht: "Sigmar Gabriel könnte zur Autolobby wechseln". Der frühere Vorsitzende der SPD. Die führenden Genossen arbeiten mit aller Macht a) an ihrer Karriere, b) daran, dass ihre Partei unter 5 Prozent gerät. Nun, weit ist es nicht mehr...

Und wer glaubt, die CDU (mit Globke und Adenauer) hätte den Sozialstaat geschaffen, dessen Bewerbung kam wohl nicht unter die vorderen Plätze bei dem nun folgenden Auswahlverfahren, auf dessen Ende wir sehr gespannt sind!

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Siehe auch:
https://www.br.de/nachrichten/kultur/knutschen-fuer-gott-und-spanien-don-carlos-in-stuttgart,Rg8MTOH

13:23 28.10.2019
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