Dreigroschenoper

Berlin (BE) 302.(?) Vorstellung. Ein Erlebnisbericht
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Wenn richtig gezählt wird, waren wir in der 302. Aufführung der Dreigroschenoper in Berlin im sogen. BE (Berliner Ensemble). Das Stück ist von Brecht und das Theater war einmal seines, auch wenn man dem Theater das nicht (mehr) ansieht. Es hat eher den Charme einer provinziellen Operettenbühne. Freilich, was zählt, ist, was vor oder hinter dem Vorgang sich ereignet.

Wie so üblich, schlendert man, wenn man zum ersten Mal wo ist, etwas herum und geht, bevor es in den nächsten 2 Stunden bis zur Pause durchgeht, nochmals auf die Toilette. Da stand beim Händewaschen ein junger Mann mit einer Brezel quer im Mund, wie sonst nur der kühnste Seeräuber ein Messer dort hat; der junge Mann bemühte sich, ebenso entschlossen in den Spielgel zu schauen. Ich war mir nicht sicher - gehört er zum Vorprogramm? Ein Omen?

Die Aufführung ist weder verfremdet noch realistisch zu nennen, die Bande von Mackie Messer sieht aus, als hätte sie am Tag davor in einem Vampirfilm mitgespielt und keine Zeit gehabt, die Garderobe zu wechseln. Macheath sieht aus wie ein altgriechischer Hermaphrodit, unklar welche Toilette er benutzt und was Polly an ihm findet. (Die war ganz nett. V.a. aber Frau Peachum!)

Das Stück ist eine Nummernrevue, eine Art Schlagerparade, was klar ist, nachdem beim ersten Hit geklatscht wird. Keine Frage: das Orchester spielt hervorragend und auch gesungen wird beeindruckend.

Freilich, wenn man die Tonaufnahme am Anfang mit dem Folgenden vergleicht, kommen einem Zweifel, ob Brecht mit der folgenden Lightshow und dem glatten, sauberen „Stil“ so seine Freude gehabt hätte. Diese Art der Inszenierung hätte auch auf jede Modernisierung eines anderen Klassikers gepasst.

Übrigens war gerade die Bordellszene eine echter Durchhänger, dort hat sich die Inszenierung in ein buntes Lichter- bzw. Beleuchtungsspiel mit surreal agierenden Schauspielern verlagert und verhangen, das würde ich nicht Verfremdung nennen sondern manieriert.

Die Leute im Theater eher leger gekleidet oder darunter, dafür dass Sonntag war und Hauptstadt... Scheint, dass das Geld, sofern vorhanden, sich hier nicht so zeigt, wie in der Provinz.

Es tut mir leid, ich bin ein alter Mann also ging in nach dem obligatorischen Sekt in der Pause nochmals aufs Klo. Scheint, dass ich dort zu lange verweilte, denn auf einmal ging dort das Licht aus, obwohl ich das sonst nur von modernen Hotels und Restaurants mit Bewegungsmeldern kenne (und einmal beim SWR, aber da hatte das andere Gründe.). (Nebenbei: ich bin kein Freund davon, dass wir unsere Verblödung auch noch selber bezahlen müssen. Aber klar, dass das unser Staat so will und braucht. Auch klar, dass es so oder so schlimmer werden wird.)

Als ich dann zurück kam, hatte der zweite Teil schon begonnen; also war das eine klare Warnung.

Einerseits ist das Stück „überspielt“, d.h. ich kenne keine wirklich zeitgemäße Inszenierung, andererseits ist das Thema: „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen dessen Anstellung“ verblüffend aktuell, freilich auch die wieder in Mode kommende Umkehrung.

In der Kantine des BE, wo es immer noch günstig ist, haben wir noch Würstchen gegessen; mit hinterher etwas Bauchschmerzen. Lag es an den Würstchen?

Zusammenfassung: Zu schön gesungen und musiziert, das Bühnenbild etwas in die Jahre kommen, ohne in der Entstehungszeit der Oper angekommen zu sein, das Publikum klatscht wie sonst vermutlich in einem Schlagerkonzert. Was gab es zu lernen, das den Rauch des folgenden Tages überdauert?

PS: Dank an Frau S.

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Dank meinen drei treuen Lesern! Und Ihnen ein guten Rutsch!

PPS: Ich entschuldige mich für das nervige Geblinke und die Werbung hier, das nimmt überhand. (Ich weiß aber noch noch nicht, was tun.)

11:28 31.12.2018
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