Dt. Wohnen enteignen

im Lockdown Raus mit Piketty
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kürzlich las ich, es war vielleicht im "nd", was immer diese Kürzel inzwischen bedeuten mögen, einen Bericht über die Initiative Deutschen Wohnen & Co. enteignen. Diese Initiative gefällt mir sehr und man sollte sie an anderen Orten auch versuchen. Was mir aber nicht gefällt, ist die vorgesehene Entschädigung der großen Immobilienfirmen.

Das erinnert mich z.B. an Haiti, einer der wenigen Beispiele erfolgreicher Sklavenaufstände, obwohl mein Held natürlich Spartakus ist, schon wegen seiner Erben.

Der junge Staat wurde von Frankreich so unter Druck gesetzt (Blockade und Invasionsdrohung, kennt man auch aus moderner Zeit), dass dieser, ich glaube bis 1950, Entschädigungen an die früheren Sklavenbesitzer zahlen musste! Also: die Sklaven müssen ihren Unterdrückern für ihre Befreiung Ersatz zahlen. Eigentlich unglaublich, und ging es gerecht zu, hätte es andersherum sein müssen... (Schweigen wir hier von den USA.)

Nun wollen die Aktivisten dieser Initiative sie vor dem Schicksal des Berliner Mietendeckels bewahren und eben auch die entschädigen, denen die Mieter lange Jahre ihr Geld zahlen mussten.

Das verstehe ich nicht. Ich vermute doch, dass die, die diese Häuser bauten, eher darin wohnen, als die Aktionäre der Großkonzerne, welche mit der Gewalt des bürgerlichen Rechts und Staates ihre Mieter lange Jahre auspressten. (Es fehlen Historiker wie Bernt Engelmann, der die Geschichte dieser Raubzüge und Räubererben beschrieb. Obwohl? Siehe unten.)

Verfolgt man das große bürgerliche Eigentum nur lange zurück, etwas Marx-Leküre könnte nicht schaden, stößt man immer auf gewaltsame Aneignung, Enteignung der Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums.*

Die Ideologie dieser Enteignung, die Rechtfertigung von Besitz, wechselt mit der Gesellschaftsform, man kann das sehr gut in dem dicken Buch von Thomas Piketty nachlesen.

Und, nebenbei, eine Quelle für Wagenknechts neues Buch, das ich gleichfalls zur Lektüre empfehle, wenn ich auch der Meinung bin, dass die Linke (wovon?) besser unter 5 % bleibt, damit sie in der Opposition sich regenerieren kann von ihren peinlichen Regierungsambitionen.

Ich bin nicht radikal, aber eine Entschädigung der Ausbeuter durch die Mietsklaven ist schon etwas gewagt. Diese Mittel könnten besser eingesetzt werden, um die Infrastruktur zu verbessern, genügend neue Wohnungen für alle zu bauen, und das in einer Größe, dass der nächste Lockdown ein Kindergeburtstag statt für viele die Vor-Hölle wird.

In den gegenwärtigen Machtverhältnissen ist die Initiative zwar zum Scheitern verurteilt, aber sie könnte ein Lehrstück über die Machtverhältnisse und ihre bürgerlichen Repräsentanten (Parteien) werden, das vielleicht den nächsten Lockdown verhindert und statt dessen den Menschen ihr Selbstbewusstein wieder gibt, auf dass sie beim nächsten Anlauf doch noch erfolgreich werden.

Ohne große Ziele, Sozialismus war der Name, der dafür stand, werden wir die Menschen nicht mobilisieren, die Unterschreibdemokratie ist das Papier nicht wert, auf der sie stattfindet. Freilich kann es ein Anfang sein, wenn es eine Kraft gibt, oder sie sich entwickelt, die die Ungerechtigkeit, Not und Mühe dieser Gesellschaft verbindet und...

Freilich, wenn ich die politischen Unterstützer der Initiative sehe, warte ich auf die alte Taktik der Sozialdemokratie: sich an die Spitze der Bewegung stellen - um sie zu brechen. Wer wohl diese Rolle einnehmen wird?

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C.H. Beck 2020

* "Wenn man weit genug, etwa mehrere Jahrhunderte, zurückging, spielte ganz eindeutig Gewalt, vor allem Eroberung und Knechtschaft, bei den meisten Erstaneignungen der Herren eine Schlüsselrolle."

Und vielleicht auch mal wieder Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters!

PS: Kleines Rätsel für fortgeschrittene: Von wem stammt dieser Klassiker: "La propriété c'est le vol"?

PPS: Dass Frau Giffey jetzt zurück tritt, und in Berlin weiter kandidieren will, wirft 2 Fragen auf:
1. Ist der Dieb, der bis zu seiner Verurteilung mit der "Reue" (Einsicht?) wartet, glaubhaft?
2. Ist es das Ziel von Fr. G. die Berliner SPD in Richtung 5 % zu bringen. Wenn ja, wird sie mir doch noch sympathisch.

---

Und ein Danke für das Lob, Herrn R._D., das mich natürlich freut.

16:05 20.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare