Ein bisschen Ablenkung bei der Hitze

Die Stuttgarter Zeitung Pause
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Was lese ich in der Online-Ausgabe der StZ

"Was gehört zu Stuttgart wie Daimler, Bahnchaos und Feinstaubalarm? Richtig, die Laugenbrezel."

Man weiß, dass diese Firma eng mit den Plätzen 2 und 3 dieses Rankings verbunden ist, dass es also hier wenig Gutes gibt: außer eben: die Brezel!

Übrigens sind, was den Stuttgart Anteil der online Ausgabe angeht, folgende Meldungen von großer Bedeutung, also ganz oben:

1. "Signalstörung: Weiterhin alle S-Bahnen betroffen". (Diese Meldung kann man stehen lassen, da man sie alle Tage mal wieder liest.)

2. "Unbekannter onaniert vor zwei Frauen auf offener Straße." Gibt es auch geschlossene Straßen? Was mag der Redakteur unter offen hier (nicht) gedacht haben?

3. "Signalstörung am Hauptbahnhof sorgt weiter für Chaos". (siehe 1.)

Aber nicht deswegen schreibe ich hier, sondern über den Kritikerpreis, den die Münchner Kammerspiele bekamen. Nun lassen wir deren Kriterien mal offen (Was war wirklich großartig?), aber Stuttgart ging bei dieser Preisvergabe leer aus. Das wundert nun nicht. - Die grüne Personalpolitik sorgt überall für das kommode Mittelmaß. Um ein Theater, ein Kunstmuseum oder ein Kulturamt zu leiten, scheint die wichtigste Eigenschaft die korrekte Mülltrennung zu sein - und die Leidensfähigkeit, die nötig ist, keine geschützte Biene oder Wespe zu killen, das kann schon mal bis zu 50.000 € kosten (Steht auch in der StZ v. 27.8.). Ganz großartige Gesetze machen unsere Grün-Schwarzen. Ich frage lieber nicht, was mithilfe von Daimler oder Porsche hinweg geraßte Leben wert sind, obwohl ein Vergleich doch immer lohnt.

Nun, wir werden das Stuttgarter Theater und die Oper weiter beobachten und vielleicht verleihe ich ja auch mal einen Preis: die grüne Tomate, oder aktuell besser: die grüne Nacht?

Was hilft, ist lesen: Ich lese gerade: Abbate, Carolyn; Parker, Roger: Eine Geschichte der Oper. Die letzten 400 Jahre. C.H. Beck 2013. Ich gestehe, dass ich hier viel lernen kann, und gewisse Vorlieben für Opern entdecke, v.a. die venezianischen. Vielleicht habe ich das Genre einfach zu ernst genommen, und sollte es wie früher die Opernbesucher machen, öfters mal was anderes als zur Bühne ehrfürchtig empor starren?

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Noch ein PS: Es fehlt mir die Kraft die 3-teilige Rezi korrekt zu beenden.

Etwas Methodologisches aus der soziologischen Froschung:

"Zusammen mit dem Fragebogen wurde den Besuchern ein Kugelschreiber für den Fall angeboten, dass sie keinen zur Hand hatten. Um zusätzlich Anreize für die Beantwortung des Fragebogens zu setzen, wurde in der Hauptphase des Projekts auch ein eigens mit Universitätslogo beschrifteter, relativ attraktiver Kugelschreiber eingesetzt und an Interessierte verschenkt. Dies war als eine Art 'Incentive' gedacht, um die Motivation zur Teilnahme und Beantwortung zu erhöhen."

Und noch die Erklärung: "Aber wie die Forschung über 'Incentives' gezeigt hat, fördern auch kleinere Präsente aufgrund ihres Symbolwertes die Teilnahmebereitschaft, indem sie die Reziprozitätsnorm aktivieren."

Und zur Erheiterung noch ein bisschen Verschwörungstheorie zum Regietheater:

"Der Beginn der Ausbreitung des Regietheaters wird gewöhnlich auf die 1970er Jahre datiert (...), in Westdeutschland im Wesentlichen beeinflusst von der 1968er Bewegung (...) und in der DDR - mit Export von Regisseuren in den Westen - gekennzeichnet durch eine marxistisch gefärbte Strömung, die durch die Arbeiten von Bert Brecht mitgeprägt war (...). In beiden Fällen dominiert aufseiten der Regisseure eine gesellschaftskritische Attitüde, die soziale Ungleichheit als Problem begreift und dem Glauben folgt, man würde durch aktualisierende, gesellschaftskritische Inszenierungen bei den Zuschauern nicht nur ein gesellschaftskritisches Bewusstsein schaffen, sondern auch ein neues Publikum - gerade aus aus den bildungsfernen Schichten - dazu gewinnen."

Ich habe eine ganz andere Auffassung über das Postmoderne Theater, das auch in Stuttgart eine lange Weile zu sehen war. Ein guter Soziologe sollte freilich nicht glauben(!), man würde durch irgendwelche Inszenierungen ein kritisches Bewusstsein schaffen, und erst recht nicht sollte man soziale Ungleichheit als Problem begreifen. Eher als Gewinn - zumindest der einen, wenigen, wichtigen...

16:36 29.08.2019
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