Ein verlängertes WE in München: Teil 2

Die tote Stadt Staatsoper
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In der Süddeutschen lese ich: Riesenerfolg für Korngolds "Die tote Stadt" . Das sei dieser Oper, dieser Aufführung gegönnt, die mit knapp 100 Jahren doch noch eher jung und relativ modern ist.

Wir waren dort, obwohl wir doch auch gewarnt wurden: 1. vor der Inszenierung durch Simon Stone, 2. wg. Jonas Kaufmann, der für diese Rolle eigentlich ungeeignet sei. Unser litauischer Sängerfreund war da sehr skeptisch. Freilich leben wir in Zeiten, wo jeder alles können muss, und natürlich auch kann, besonders unsere Sternchen und Vorbilder. Und Kaufmann hatte als Münchner natürlich Heimvorteil.

Die Oper, die ich hier nicht nacherzähle, ist vom Sujet interessanter als viele andere, da sie einen psychologischen und vielleicht auch psychoanalytischen Kern hat, eine Traumerzählung* in einer Rahmenhandlung.** Die Musik dieses einstigen Wunderkindes wurde leider etwas vergessen, und auch heute noch mitunter geschmäht, weil der Emigrant im US-amerikanischen Exil sehr erfolgreich Filmmusik komponierte. Das war freilich noch nicht abzusehen, als der junge Mann, ein Wunderkind, mit etwas über 20 Jahre diese sehens- und hörenswerte Oper komponierte, die im tonalen, spätromantischen Bereich bleibt, wo es aber an den besten Stellen schon etwas schräger wird.

Die Leute standen, also wir auch, schon kurz vor 18 Uhr vor dem geschlossenen und bewachten Eingang, die Oper begann um 19 Uhr. Aber, wie mir die Frau an der Garderobe später versicherte, einige, viele(?) Leute kämen wegen des Flanierens in der Pause: es gab zwei, und nicht wegen dem dazwischen.

Immerhin, trotz Premiere, bekamen wir am letzten Tisch in einer Reihe, am wirklich letzten Platz, noch zwei, für die zweite, längere Pause. Freilich konnte man sich an den Tischen seine Nachbarn nicht aussuchen.

Aber auch bei diesen Reichen und nicht wirklich Schönen gab es Unterschiede, manche durften schon vor 18 Uhr rein, die anderen mussten warten. Innen gab es außer der Oper noch ein Event der Firma Linde, zumindest sah ich das auf einem Schild. In der ersten Pause schliefen die Türsteher, wir gingen hin und her, öffneten Türen, folgten anderen und landeten mitten in deren - was? Investorentreff, Anteilseignerparty, Betriebsausflug? Immerhin es gab dort Sekt für umme, was ich aber zu spät bemerkte, inzwischen war die Security wieder aufgewacht. So nah war ich dem Kapital in seiner zweifelhaften Form noch nie...

Jonas Kaufmann, meinte die Dame, und das war auch mein Eindruck, schrammte etwas unterhalb der manchmal wünschenswerten Tonhöhe vorbei. Das mag aber auch an unserem Balkonplatz gelegen haben. Diese Plätze, wurde mir schon von besseren Ohren erklärt, reduzieren etwas das akustische Volumen. Sagen wir es einfach: An der Decke prallen die hohen Töne zurück, an der Balustrade (Boden) die tiefen. Es kann aber auch umgekehrt sein oder anders, aber wir hatten trotzdem den Eindruck, dass man den Wahnsinn etwas höher singen sollte.
Das Bühnenbild, von dem wir auch gewarnt wurden, war aber fast wie bei uns früher Zuhause - untere Mittelschicht. Also ganz nett; die Münchner in der Oper scheint das nicht gestört zu haben.

Oft kann man in der Oper verschieden hören. Man hätte in dieser hören und sehen können, da verspottet bzw. korrigiert einer die Religion, den Glauben etwas, gibt es doch für Tote keine Rückkehr (Auferstehung, obwohl das doch dort so eine Art offizielle Staatsreligion ist.); andererseits, wollen ja die Leute leben und leben lassen (sich selber v.a. hoch), und wenn also einer das Traumbild seiner toten Frau nun endlich loslässt und bereit ist für neues, bzw. eine Neue, ja dann freut sich doch der lebenslustige Bayer. Zumindest eine seiner Hälften. Da die Oper nun laut SZ ein großer Erfolg war, stehen auch die Zeichen in München für grüne Lebensfreude und Neubeginn.

Derweil war auch an diesem WE in München ein sogen. öffentliches Gelöbnis; der Militarismus kehrt allmählich zurück in die Mitte der Gesellschaft. Der brave Korngold ist hier leider kein Gegengift.

Wir haben etwas Zweifel, auch wenn uns die Oper gefallen hat, ob das nun Weltklasseformat war. Und Glamour war auch im Schumann's. Kommt eine öffentlich-rechtlich alimentierte Fernsehfrau, deren homepage das Motto ziert "Alles wird gut" und die Kuratoriumsmitglied bei der „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten" und der „Initiative sozialkompetente Hundehalter" ist, und wird entsprechend hofiert in der Oper und bei der Berichterstattung, dann kann ich nur abraten, der GEZ nur irgendwie entgegen zu kommen. Dann lieber sparen und selber mal in die Oper gehen, wer mag, oder...

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*"Ein Traum hat mir den den Traum zerstört,
Ein Traum der bittren Wirklichkeit
Den Traum der Fantasie..."

** Die Sache mit dem Rahmen, in denen der Wahnsinn eingebettet ist, ist nicht unproblematisch, wie man vom Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" weiß. Dessen Rahmenhandlung brachte den Film um seine antiautoritäre, sozialkritische Botschaft, und bei Korngold wäre eine echt tote Marietta doch noch realistischer wie eine untote Marie. Aber "Therapie" geht vor Analyse, was wir aber nicht Korngolds Musik vorwerfen, die wir gerne einmal wieder hören möchten: "Glück, das mir verblieb / Rück zu mir, mein treues Lieb. ... Bange pochet Herz an Herz. Hoffnung schwingt sich himmelwärts." Nebenbei bemerkt, nicht vorwärts in die Zukunft, sondern nach oben. Aber, das ist nur ein schönes Lied.

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Noch ein PS: Das hatte ich unverständlicherweise vergessen: Am Ende der Oper brennt der Papierkorb und der "Held" trinkt ein Bier. Ganz wunderbar.

Lit.: Guy Wagner: Korngold: Musik ist Musik. München 2008

19:51 19.11.2019
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