Eine Fahrt nach München (1)

Honghong und Schumann's Chichi oder Talmi oder
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Nachdem die in verschiedenen Reise- und Restaurantführern von uns vorausgewählten Lokale Samstag Abend alle voll waren, blieb uns nur das "Risiko", und wir sind auf gut Glück ins Honghong Noodles gegangen. Sehr gutes chinesisches Essen, dazu eine Flasche Rotwein, was meiner Stuttgarter Erfahrung nach, beim Chinesen mit einem hohen Risiko behaftet ist; aber dort war der Wein gut und günstig, trank sich weg wie nichts und hinterließ keine negativen Folgen. Außer etwas Übermut. Mit Wasser kosteten die zwei Essen ca. 38 €!

Danach, und weil wir schonmal in der Gegend waren und mutig, entschieden wir uns "spontan" für einen Besuch in Schumann's Bar. Schumanns Bar-Buch habe ich in unguter Erinnerung, nahm dieses doch mal ein Freund mit in einen Urlaub, und versuchte die Rezepte an uns. Trank man dann einen Schluck des Gemixten, herrschte eine geradezu ehrfürchtige Stille, die vor allem von dem Buch ausging, das aber auch einen Schatten auf den neuen Mixer warf, der freilich einiges verdunkelte. Es schauderte einen. Freilich begann um diese Zeit, das mag ca. 30-40 Jahre her gewesen sein, diese Coctail-Mode auch in meiner Umgebung um sich zu greifen. Mich hat die nie so richtig ergriffen, bin ich doch als Weintrinker immun, und das, was wir sehr viel früher mit Kognak und Cola zusammengemixt haben... - Schwamm drüber.

Aber zu gerne wollte ich mal die Münchner Schönen und Reichen an diesem Ort mir anschauen. Trotz allgemeiner Reservierung bekamen wir einen Steh-Fensterplatz im vorderen Eingangsbereich, für meine Zwecke völlig ausreichend. Dort hing über dem Durchgang zum eigentlichen Barraum ein Fernseher auf dem ein Fußballspiel lief!?

Der Kellner: ausgesprochen aufmerksam und freundlich; keine Kellnerinnen zu sehen; die bräuchten sie nicht, meinte er. Mir fiel nichts rechtes ein, und bestellte was mit Kognak. Es kam dann einer mit einem Eiswürfel und etwas Zitrone drin. Ganz furchtbar. Ich bestellte, in Erinnerung an meine schwierige Jugend, eine Cola dazu. Ich bekam auch eine und flog auch nicht aus dem Lokal, als ich die dann in meinen Cocktail leerte. Die Dame ging mit einem Glas Champagner auf Nummer sicher.

Der Fernseher ließ mich stutzen. Ich bin ja was das kulturelle Niveau der Reichen (und Schönen) angeht, sehr skeptisch, aber dass dieses so tief gesunken war?! Oder machten sie hier, in München, einen auf volkstümlich?

Der Kellner rannte herum, was das Zeug hielt, blieb aber souverän. Mein Nachbar entpuppte sich, Sie dürfen seinen Beruf raten! - als Architekt, der hier eine Frau beeindrucken wollte.

Den Chef sah ich nicht, er soll aber da gewesen sein. Man erzählt sich zweierlei über ihn: A) er sei sehr nett und würde die Kartoffeln noch selber in der Küche anbraten. Man könne dort auch gut essen. B) Der Chef sei ein richtiger Kotzbrocken, der seine Gäste von Oben herab und schlecht behandelte, aber die Schickimicki-Szene liebe so was. Das kenne ich von schwäbischen Wirtschaften, wo es das früher auch gab. Das galt als Original, und wurde man irgendwann als Stammgast mit dem Namen begrüßt, war das ein guter Tag und die Zeche wert.

Die Getränkekarte, eher Kärtchen, bietet eine reichhaltige Auswahl, aber natürlich kann man hier auch verhandeln oder sich was empfehlen lassen. Die Karte ist so ca. DinA5, nicht zu vergleichen mit den Weinkarten, die mitunter DinA4 oder größer sind und oft deutlich dicker. Da scheinen die Weine eine Differenzierung (und Poesie) erreicht zu haben, wo härtere Getränke seltsamerweise nicht nachkommen. Dabei bestehen diese doch aus verschiedensten Komponenten einschließlich Gräser und Obst, wo doch noch viel möglich wäre. Nicht beim Cola, aber z.B. bei der Zitrone, Herkunft, Hanglage, Sonneneinstrahlung, fair behandelt und gehandelt usw. Dies nur als Tipp für Herrn Schumann, der freilich ausgesorgt hat, und seinen Gästen sicher auch als Beweis dafür dient, dass man es durch harte Arbeit schaffen kann. Die Kundschaft tut ihr Mögliches ihm nach.

Was die höhere Kultur angeht, waren wir in einer Horvath-Ausstellung, die auf Rundreise geht: sehr zu empfehlen! Und auf dem Weg dorthin kamen wir an der Staatskanzlei vorbei, wo Soldaten und v.a. Verbindungsmenschen ein Brimborium veranstalteten. Ein deutlicher Beweis, dass Geschichte nicht vergeht, vergehen will und kann - in diesem Lande.

Wäre ich Filmregisseur und suchte ein heutiges Gesicht für Diederich Heßling (Der Untertan), hier hätte ich reiche Auswahl gehabt.

16:40 19.11.2019
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