Eins auf die Ohren

Adorno Teil 3
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Herr X. hatte mit seiner Doktorarbeit so seine liebe Müh und Not, der strenge aber gutwillige Professor vermisste den roten Faden. Erst viele Jahre später fiel ihm die passende Antwort ein: Der Faden, den Ariadne verschenkte, war nicht sehr auffällig. Ob er rot war - keine Ahnung, aber er war dünn, denn er musst lang genug sein, um ins Zentrum des Labyrinths zu führen. Keinesfalls war dieser Faden dann straff gespannt. Unauffällig zog er sich dahin, um viele Ecken führte sein Weg.

Die Suche nach dem roten Faden kommt von der Ungeduld, von der Angst, den Überblick zu verlieren, der Unsicherheit, ist das nun Geschwätz oder bringt uns das (irgendwie) weiter?

Herr X. taucht noch heute in die Nacht ein und sucht träumend den verflixten Faden. Insofern hat die Frage nach ihm immer auch einen leicht autoritären Fingerdruck: Komm zur Sache, trödle hier nicht herum, kein Geschwätz. (Das ist freilich ein oft zutreffender Einwand besonders in der Politik, die fast nur noch darauf besteht, den rosagrünschwarzen Faden so oft um dich zu wickeln, dass du wie jener Riese hinfällst und gefangen bist, ohne je an ein Ziel zu gelangen.)

Also trotzdem, das Buch hätte schon früher gute Möglichkeiten gehabt einen Schlusspunkt zu finden, z.B. S. 329, wo sie mit der Historisierung der Frankfurter Schule deren Ende datiert. Nicht schlecht, aber auch nicht ganz traurig, da jede Wahrheit ihren Zeitkern hat, wie wir wissen, aber man könnte deren Ende auch mit dem Ende der kritischen Intellektuellen datieren, die Nische ist geschlossen, wer Professor wird, entscheiden Daimler, Lidl, Amazon usw. - und deren Freunde in den Ministerien. (Aber das war früher auch nicht anders, wir wissen ja mit wie viel "Glück" Adorno zu seinem Wiedergutmachungslehrstuhl kam.)

Mitunter, ich bleibe dabei, es fehlt etwas Marcuse, ist mir das nicht dialektisch genug: Ob die sexueller Revolution und die Enttabuisierung den Teflon-Sozialcharakter hervorgerufen hat, der heute für alles und nichts gut ist, ist schon etwas zweifelhaft, den auch guten Fortschritt erkennt nur, wer die 50er Jahre kennt, ob aus eigener Erfahrung oder aus entsprechender Geschichte. Adorno war nie der typische Charakter... Eine genauere Geschichte des Fortschritts im Alltagsleben erkennt nicht nur die eine Seite.

Aber ich werde entschädigt durch solche Stellen:

"Der Feminismus als Schamlippenbekenntnis hat zur Identitätspolitik geführt, die zur akademischen Sprachpolitik und Legalisierungswahn geworden ist. Jede Devianz möchte nun als eigene Buchstabensexualität definiert werden. (...) Die Repräsentation im Herrschaftsdiskurs - Einordnung, Integration, Katalogisierung - hat noch niemanden gerettet, der Perspektive einer gemeinsamen politischen Emanzipation jedoch deutlich geschadet." Trefflich!

Es ist also wieder viel Richtiges dabei, gute Fragestellungen, auch wenn ich nicht glaube, dass nur noch Adorno von den Frankfurtern rezipiert wird, Benjamin, wenn man ihn dazu rechnet, ist im feuilletonistischen dauerhoch - nicht zum Vorteil der Sache.

Spätestens als die Flughunde losgelassen werden, hat Frau Dankemeyer den wirklich guten Schluss verpasst. Nicht, dass das nun uninteressant wäre, aber wirklich Zeit, auf diesen Hunden fliegen zu lernen bei ca. 365 S. und 800 Fußnoten ist nicht mehr.

Das ist der Nachteil dieser Arbeit, sie ist zu sehr philosophisch und zu wenig soziologisch. Das ist bei unserer akademischen Fächereinteilung kaum zu vermeiden, aber etwas mehr "Soziologie" hätte für mehr Bodenhaftung gesorgt.

Da meine Universitätszeit lange vorbei ist, kann ich leider vieles nicht beurteilen. Immerhin ist es sehr erfreulich, dass es trotz alledem noch solche Arbeiten gibt, die Adorno neu aufführen, und ein Publikum muss es wohl geben, vermutet sicher auch der Verlag. Ich hoffe auf auf ein solches, empfehle aber trotzdem, dem, der sich auf den Weg ins erotisch-dunkle, dissonant-dialektische Denken begibt, gelegentlich z.B. an Rosa Luxemburg zu denken, auch eine kritische Theoretikerin, wenn auch auf anderen Wegen, doch, wie ich glaube, ins nämliche Ziel unterwegs. Es geht weiter. Viel gelernt, aber weiter. Auch das kommt wie ein autoritärer Gestus daher, da das Weiter und das Vergessen nahe beieinander liegen. Aber was hilft es, die Geschichte ist noch nicht zu Ende, auch wenn die Menschen jetzt im Hausarrest auf den Super-Killer-Virus warten müssen und nicht sehen, dass der schon lange unter ihnen und über ihnen ist.

Es gibt noch einen Nachschlag, der hier Nachspiel heißt, obwohl es doch um das Glück des Kindes beim Lesen und bei anderem unter der Bettdecke geht, bevor es dann im wirklichen Leben im Flugzeug eine Enttäuschung gibt. Nun ja.

Immerhin taucht auch hier ein politischer Gedanke auf, der weiterführend sein könnte: "Das Wolkenkuckucksheim ist keine Antwort auf die Schicksalsfrage der Organisation." Aber vielleicht hilft hier Luxemburg weiter?

Frau Dankemeyer lernt jetzt die Zauberkunst. Heißt das, dass sie ein Praktikum in einer Bank macht oder lernt sie ein Instrument? - Und wir hoffen darauf, dass sie bei ihrem nächsten Buch sich endlich Wagner vornimmt, da könnte es ordentlich donnern.

Iris Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs . Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. Edition Tiamat 2020, 403 S.

11:04 01.02.2021
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