Fado, Lissabon

Musik und Essen Was sucht der Tourist?
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In einem unserer Reiseführer lese ich über Fado, dass dessen Ursprünge im Dunkeln liegen. Das gefällt mir doch gleich. Wahrscheinlich liegen sie in jüdisch-maurischen Klageliedern, in Gesängen der Seeleute und Verbannten, in afrikanisch-brasilianischen Tänzen. Das klingt doch super und lässt einen an Tango denken.

Also keine Hochkultur, die nach unten gesickert ist, sondern von „unten“ gekommen und als Populärkultur und Touristenmagnet angekommen. Nun wäre es sicher ungerecht, das nur als Touristenattraktion zu bezeichnen, obwohl sie das hier in Lissabon in meinem Viertel ganz eindeutig ist. (Wobei eine Attraktion – auch für Touristen – an sich noch nichts schlechtes sein muss!)

Nun, wir ließen uns einen Platz in einem besseren Fado-Lokal reservieren, also Live-Musik und Speise und Trank. Eine gute Mischung, auch wenn das in unserer Hochkultur (z.B. Oper, Theater etc.) schon lange streng getrennt ist, mit eindeutiger Priorität wenn diese zusammentreffen.

Die Menüs mit drei Gängen kosten zwischen 40-50 €, man kann aber auch nur einen Kleinigkeit essen und trinken. Die Damen sind partiell ordentlich aufgebrezelt, der Mann neben mir trägt freilich einen Adidas-Kittel mit drei Streifen, das geht alles!

Es wird das Licht herunter gedimmt, dann nur wenige Lieder gesungen, dann Pause, dann singt ein anderer. Zuerst singt eine Frau, dann ein Mann, besser, dann eine andere Frau, ausdrucksstark, dann alle drei abwechselnd zusammen, so eine Art Dialog. Natürlich haben wir keine Ahnung, was sie singen, vielleicht auch gut so, dann stört nichts den Gesang. Dazu gibt es drei Männer, die eine Mischung zwischen Gitarren und Zitter spielen.

Es ist ein Problem, aber ich kann nichts dafür, kaum fingen sie an, glaubte ich den „Dritten Mann“, diese bekannteste diesbezügliche Zittermelodie, zu hören, kreisend, ohne Halt.

Natürlich spielten sie das nicht, aber der Ohrwurm war schwer weg zu bekommen.

Nun schien mir die Musik nicht direkt melancholisch, dazu muss man vielleicht den Text kennen, aber sicher besser als unsere Froh- und Durchhalte-Volks- oder Schlagermusik. (Schon der möglichen Herkunft wegen.)

Hat man Pech, kommt das Essen während der Darbietung. Sprechen soll man dann nicht, worauf kleine Tischkärtchen hinweisen, aber essen muss man schon, sonst wird dieses kalt. Und das im Halbdunkel. Sehr nett. Zum Glück gibt es hier keine Spagetti mit Bolognese, sonst könnte es, wenn es wieder hell wird, einen interessanten Anblick geben.

Ja, das lohnt sich schon einmal, das anzuhören, die Musik hat ihren Reiz, und das Niveau etwas herunterzufahren, also Musik und Essen, ist im Lokal doch ganz nett. (Netter als die Zwangsberieselung sonst, v.a. wenn ein paar Musiker davon leben können.)

Essen ging, nur die Nachspeise war wieder belanglos. Inzwischen haben wir Übung darin, den Kellner dahin zu bringen, dass immer nachgeschenkt wird. Dieser schenkte den Weißwein dann bis in die obere Hälfte des Weinglases, damit er nicht so viel Arbeit hatte.

Am nächsten Morgen beginne ich meine Umgebung zu erkunden, d.h. zuerst die Metrostation. Ein freundlicher Ausländer hilft mir sogleich, wie man mit der Metrokarte umgeht, wenn man vor einem Automaten steht, der kein englisch kann.

Ein ebenfalls freundlicher, aber etwas verdruckter Inländer sieht meinen Entdeckerstress und bietet mir das gute alte Haschisch an.

Ich gehe die Avendida da Liberdade rauf und runter, die ist wie andere Einkaufstrasse auch, nur viel breiter, mit einen großen Grünstreifen und Kiosken und Bänken zum Sitzen. Jede Menge teure Hotels und die überall gleichen Namen der Luxusläden. Die Uniformierung der Welt ist auch eine von Prada bis Gucci.

Zu meiner Überraschung entdecke ich auch das Hauptquartier der portugiesischen KP mittendrin in dieser Straße der Freiheit, wo sich sogleich die Frage stellt: wessen Freiheit sehe ich hier?

Ich gehe nicht hinein, obwohl es mich gereizt hätte, aber ohne Dolmetscher macht das keinen Sinn.

Ich scheine etwas frustriert auszusehen, denn ich bekomme wieder etwas Haschisch zum Trost angeboten. Sagen bzw. schreiben wir es hart und ungeschönt: statt des Haschisch trinke ich im Hotel einen persischen Apfeltee…

18:27 14.05.2018
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