Gruß aus der Küche

Gourmetlokale Guten Appetit
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Man bekommt vom Kellner bei jedem Gang bzw. v.a. bei den "Grüßen aus der Küche" erklärt, was man da so isst, bzw. Zutaten und Zubereitung. Schmecken tut man das mitunter kaum, deshalb wohl diese Erklärung. Derartige Molekül-Ballungen liegen zumindest jenseits meines Geschmacksempfindens. In einem Gourmet-Restaurant gab es Spargel mit irgendwelchen bunten Streuseln darauf. Ich schmeckte kühlen Spargelsalat, frisch etc., aber hätte man mich gefragt, was da den Spargel verziert und würzt? Keine Ahnung!

Das ist ein bisschen wie mit dem Wein: Ich trinke gerne Wein und nicht schon seit gestern, aber ich werde es wohl nicht und nie schaffen, Ost- und Westhang, Bodenbeschaffenheit, Alter, Klima etc. in einem Blindtest, den ich liebe, präzise zu schmecken. Natürlich sind die Sinne entwickelbar; ich habe aber doch die Vermutung, dass hier die Bezeichnungen weit vor der Sache sind.

Welchen Sinn hat also diese Ansprache, was man jetzt "essen" wird? Zum einen, möchte man ja wissen, was man genießen soll, um sich nicht ganz dilettantisch darüber unterhalten zu müssen; denn die Unterhaltung über das Essen lohnt und wird erwartet umso mehr, je mehr der Preis desselben relevant wird. Das geht natürlich nicht proportional, weil man im Restaurant viel mehr bezahlt als das Essen (z.B. Ausstattung, Service, Lage etc.), aber doch ein Stück gemeinsam nach oben, d.h. Qualität hat ja schon - eine ganze Strecke - ihren Preis.

Vielleicht ist das Palaver des Personals aber auch nicht nur ein Gruß aus der Küche, sondern auch eine Art Strafe aus der Küche, ein Witz, den sich der Koch erlaubt. Man kennt die Arbeitsbedingungen in der Küche, von Koch und Hilfspersonal. Nicht nur deswegen sind die Top-Köche so beliebt in den Medien, da sie ähnlich wie die Kommissare im Fernsehen, keinen 8-Stunden-Tag, kein Wochenende usw. kennen. Alle arbeiten immer mit Hochdruck und Hingabe. Da fragt man nicht nach Mindestlohn und Freizeitausgleich. Deshalb lieben die neoliberalen Medien die Köche so sehr, die letzten Helden des freien Unternehmertums, wo sich Leistung noch lohnt - in Form von Aufmerksamkeit etc. Natürlich verdienen einige sicher sehr gut; ähnlich wie im Fußball, aber die Masse darf sich für den Mindestlohn und miese Arbeitsbedingungen schinden. So möchte das bürgerliche Publikum sein Proletariat und dazu immer freundlich.

Das Murmeln über die Zubereitung und Art des Grußes straft den Gast als Ignoranten, der in Wirklichkeit keine Ahnung hat. Den Härtetest machte vor langer Zeit ein Bekannter von mir, der in einem sicher sehr zweifelhaften "Lokal" einen Putzlumpen panierte und servieren ließ. Leider war ich nicht dabei, aber da ich die Beteiligten kenne, ist die Story verbürgt. - Die Bürger wähnen sich souverän, aber was da in der Küche möglicherweise getrieben wird, davon haben sie mitunter keine Ahnung.

PS: Sehr geehrter Herr Walkie, Ich bin nicht sicher, ob das Tour d'Argent ein Ort der kulinarischen Reaktion ist. Eher wird doch gemischt gekocht: modern und "reaktionär". Da gibt es andere Lokale, wo die Gänseleber-Reaktion seltsame Blüten treibt...

10:42 04.04.2019
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