Hanns Eisler Abend in Ludwigsburg

Liederabend Mit Zugabe
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Gibt es in Ludwigsburg ein Konzert: Hanns Eisler: Ein deutsches Leben in Liedern (10.7.), dann ist das ein Grund alle anderen Termine abzusagen.

Ich besitze die Bücher von Eisler: Musik und Politik, herausgegeben von Günter Mayer. Den habe ich noch kennen gelernt, bevor auch er von seiner Universität hinaus evaluiert wurde, um irgend so einem postmodernen ... zu weichen. Er war auch der Grund, warum ich mich intensiver mit Eisler beschäftigte und das Stichwort "Dummheit in der Musik" im großen marxistischen Wörterbuch von W.F. Haug (u.a.) gegenüber meinem Freund Theodor Bergmann, der es für überflüssig hielt, verteidigte.

Dummheit in der Musik ist zwar nur ein Aspekt, aber wenn man an die Bedeutung und Allgegenwart von Musik denkt, doch von erheblicher Relevanz.- Wir machen uns immer einen "Spaß" daraus, zu hören, in welchem Hotel keine Musik zum Frühstück läuft. ("Sie erscheint jedenfalls als abstrakte Opposition zu Verödung und Monotonie des Alltags: Je größer die Verödung, je härter die Monotonie, desto süßer wird die Musik.") Leider läuft auch welche in den teuren, z.B. Traube Tonbach; aber warum sollen die Bürger dort (kulturell) besser sein?!

Man (ich) gewann den Eindruck, dass das Konzert - Ludwigsburger Schlossfestspiele - der Versuch ist, Hanns Eisler einem bürgerlichen Publikum nahe zu bringen. Schließlich ist die DDR lange genug tot, um vielleicht ohne Schaum vor dem Mund manches neu zu betrachten. Dazu später mehr!

Holger Falk: Bariton, Steffen Schleiermacher: Klavier. Der Klavierspieler mit eher schütterem Haar, zur schulterlangen Mähne frisiert, wirkt etwas steif, aber verschmitzt, mit Humor, wenn er die Stückauswahl und Anordnung erläutert, und aus dem Leben von Eisler erzählt. Herr Falk wirkte mit schwarzem Anzug und weißem Hemd wie ein Vorsinger (Bewerbung) für die große Oper. Zu Beginn schien mir seine Miene ausdrucksstärker als der Gesang, aber vielleicht tue ich ihm damit unrecht, meinte die Dame neben mir!

Zuerst die Kampflieder, dann die Lieder aus der Wiener Schönberg-Zeit ("Es ist in diesem Schönbergschen Stil der Ausdruck der Nervosi­tät, der Hysterie, der Panik, der Verzweiflung, der Verlassen­heit und des Terrors auf das äußerste ausgedrückt. Man kann mit einiger Vorsicht sagen, daß der Grundcharakter der Schönberg­schen Musik die Angst ist. Er hat lange vor der Erfindung des Flugzeugs bereits die Schrecken der Menschen im Luftschutzkel­ler unter Bombardements vorgefühlt. Er ist der Lyriker der Gas­kammer von Auschwitz, der Konzentrationslager von Dachau, der ohnmächtigen Verzweiflung des kleinen Mannes unter dem Stie­fel des Faschismus. Das ist seine Humanität."), dann ein, zwei Uraufführungen(!), zum Schluss noch aus den 50er Jahren ff. eher private, fast resignative Lieder.

Nun dachte ich mir, der Versuch Eisler zu entzaubern, ihn gegen seine Geschwister in Schutz zu nehmen und ihn für das bürgerliche Publikum mundgerecht zu filetieren, schien gelungen. Man klatscht und denkt: das war's. Aber, wie das Sprichwort will, das Beste kommt zum Schluss, d.h. hier als Zugabe: Zuerst die sogen. Nationalhymne der DDR, die sie eigentlich nicht spielen wollten. Beeindruckend, wann hat man die mit Text zum letzten Mal gehört? Ein schönes ergreifendes Lied, trotz alledem. (Und besser als: D. über alles!) Da stand ein "Opfer" auf, und beschwerte sich darüber, dass man dieses Lied ohne den Kontext Hohenschönhausen nicht hören könne. Der gute Mann durfte dann sogar auf die Bühne und seinen Schmonzes nochmals sagen, damit ihn auch alle hörten. Die Antwort des jungen Sängers war: Man solle das Lied hören, wie jemand, der aus dem Exil zurück kehrt, und mit dem Neuanfang alle Hoffnung verbindet. Großartig! Etwas vom Anfang her, mit aller seiner Hoffnung sehen und hören zu können und nicht vom trüben Ende!

Der Mann beruhigte sich dann, nachdem er die gewünschte Zuwendung erhalten hatte. Dann spielten und sangen die beiden noch das Solidaritätslied. Da ging einem das Herz auf! Und es fanden sich in der Ludwigsburger Musikhalle doch noch ein paar ältere Menschen, die den Text kennen und mitsangen; und zu Schluss riefen ein paar ganz Mutige auf die Frage, wessen Welt ist die Welt, ein "unser". Nein, das waren kaum die Superreichen oder Aktionäre einer dieser großen Immobilienkonzerne, das waren vielleicht Menschen wie Du und ich, die meinen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen - oder hier besser: dass der letzte Ton noch nicht gesungen ist!
Ich gestehe, die Zugabe hat mich mit allem versöhnt und wir verließen heiter und beschwingt die Stätte.

Die Zitate sind folgenden Werken entnommen:

Literaturtipp. Auch zur Erinnerung an Günter Mayer, bei dem ich gerne studiert hätte.

Hanns Eisler: Musik und Politik. Schriften 1924-1948. Textkritische Ausgabe von Günter Mayer. Leipzig 1985

Hanns Eisler: Musik und Politik. Schriften 1948-1962. Textkritische Ausgabe von Günter Mayer. Leipzig 1982

Hanns Eisler: Musik und Politik. Schriften Addenda. Textkritische Ausgabe von Günter Mayer. Leipzig 1983

11:00 11.07.2019
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