Hans Globke - Ein Fall, der nicht vergeht

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Bästlein, Klaus: Der Fall Globke. Propaganda und Justiz in Ost und West. Berlin: Metropol 2018

Den Älteren unter uns wird der Name Hans Globke sicher etwas sagen. Er steht wie kein anderer für die Renazifizierung nach 1945, man könnte aber auch von einer Kontinuität der herrschenden Eliten sprechen, die es nach 1918 gab, und nach 1945 wieder, im Westen (BRD) mehr, im Osten (DDR) deutlich weniger in dem Versuch einer qualitativ anderen, antifaschistischen Gesellschaft.

Im Kern geht es um ein Urteil in der DDR gegen den im Westen von Adenauer geschätzten und beschützten gnadenlosen Schreibtischtäter Globke, der nicht nur die NS-Rassegesetze kommentierte, sondern auch die Entrechtung und Deportation der Juden juristisch mit auf den Weg brachte. Er war nach Adenauer der zweitwichtigste Mann im Bonner CDU-Staat und sich auch dort für nichts zu schade. (Auch ein Lehrstück, was man so unter "Demokratie" verstand in den 50er Jahren.)

Man kennt das und trotzdem ist man wieder schockiert, wenn man das detailreiche und sachkenntliche Buch studiert.

Man denkt an den Neofaschismus heute und es verstärkt sich der Verdacht, dass der nicht vom Himmel gefallen ist, sondern (auch) in heimlichen und unheimlichen staatlichen Stellen immer mehr oder weniger präsent war: "Beim Bundesnachrichtendienst hatten über die Hälfte der Mitarbeiter eine NS-Vergangenheit. Noch schlimmer sah es im Bundeskriminalamt aus. Ende der 1950er-Jahre kamen zwei Drittel der Mitarbeiter im höheren Dienst aus der SS und gegen die Hälfte von ihnen wurde wegen NS-Verbrechen ermittelt. In der Polizei waren NS-Aktivisten auch allgemein noch stärker vertreten als in der Justiz."

Das sind Themen, die man in heutigen Schulbüchern nicht findet, worauf der Autor verweist. Ein spannendes Thema, wann der Geschichtsunterricht und wie endet? Freilich ist das heute schon anders, es gibt zum Glück LehrerInnen, die das brisante Thema nicht scheuen.

Die Eigentumsverhältnisse, die nie angetastet wurden - außer in der DDR, und die dortigen wurden in westlichem Sinne revidiert - , sind eine der Grundlagen für diese Kontinuitäten.

Es ist aber auch nützlich zu wissen, dass die Täter "'Namen, Anschrift und Gesicht' haben, also haftbar zu machen sind."* Das Buch nennt uns einen Namen, eine Karriere und ihre Folgen. Die(se) Geschichte ist noch nicht zu Ende.

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* B. Brecht in: Hermann Schweppenhäuser: Dialektischer Bildbegriff und 'dialektisches Bild' in der Kritischen Theorie, S. 36. In: Zeitschrift für kritische Theorie 16/2003

10:06 27.10.2019
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