Hegels Welt

- Herrn Kaubes Einführung
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Teil 1: Bezieht sich auf die Einleitung und die Frage: Was ist Idealismus?

Herr Kaube hat es geschafft vom stellvertretenden Feuilletonchef zum Herausgeber der FAZ. Wenn das kein Grund zum Idealismus ist.

Idealismus erklärt er etwas philosophisch, aber wie es sich für einen Geisteswissenschaftler gehört, in einem schönen Bild. (Immer spukt bei diesen Leuten Walter Benjamin als Vorbild herum.)

Da gab es die Brüder Montgolfier, die 1783 ihren ersten Heißluftballon fliegen lassen. Das ist ihm Idealismus, sich vom vorher von ihm so favorisierten Utilitarismus weg und frei nach Oben zu bewegen, die Interessen verblassen mit der Distanz zur Erde, es entschwebt vor dem König das Bewusstsein, dass man es kann! Was auch immer.

Bis auf die Irland-Ausnahme ging es auch mit den Hungernöten ab dieser Zeit zurück, was die Hungernden der folgenden 200 Jahrhundert überraschen mag, aber die Unterschichten verblassen natürlich bei diesem Höhenflug vor des Königs Augen. Freilich ist Vorsicht und die richtige Entfernung geboten: "Nicht zu nah, nicht zu fern".

Zu nah würde die Nähe zum fortbestehenden irdischen Elend nahelegen, das nicht immer leicht zu übersehen ist, zumal in revolutionären Zeiten. Zu fern, da könnte man den König und sein Reich aus den Augen verlieren, und auf andere Gedanken kommen, die sich ein FAZ Herausgeber nicht leisten kann, da sind Anteilseigner, Inserenten und schließlich eine unidealistische Leserschaft vor. (Fichte: Gewerbetreibendes Dumpfbürgertum.)

Übrigens fällt mir gleich auf, dass zwar Georg Lukács zweimal im Personenverzeichnis auftaucht, aber nicht sein Hegel-Buch. Er kommt in der Literaturliste überhaupt nicht vor. Hat es Herr Kaube links liegen gelassen? Oder habe ich etwas übersehen. Mal sehen.

Man kann an dem schönen Bild vom Heißluftball sehen, worauf es am Ende hinaus läuft: die Arbeit am Begriff wird zwar zu leisten versucht, sozusagen die Pflichtübung, Kür ist aber nach diesem Verständnis das schöne Bild, das den Begriff verdeutlichen soll. Ich glaube freilich, dass das eine Regression ist, dass die Welt von heute nicht mehr in Gedanken gefasst werden will, ansonsten riskiert man einen Tritt in den Hintern und es ist aus mit der Karriere.

Teil 2 Der "Rest", d.h. das Buch

Nach diesem etwas zu frechen ersten Teil, den ich partiell zurück nehme, es wird durchaus begrifflich zugehen im weiteren!

Kaubes Stil und seine Art mit Hegel umzugehen, kann man vielleicht mit einem kleinen Zitat, das sich am Ende des Buches findet, illustrieren. Dabei geht es um die Folgen der Revolution 1830 in Frankreich, die auch auf England ausstrahlen und zu einer Wahlrechtsreform führen. Wobei nebenbei bemerkt, Hegel kein großer Freund der Demokratie und des Parlamentarismus ist, findet sich doch so ein schöner Satz, bei dem, zumindest ich, an Schröder oder den Deutsche-Bank-Gabriel denken muss: "Die Wenigen sollen die Vielen vertreten, aber oft zertreten sie sie nur."

Doch zurück zum Stil:

"Hegel appelliert im Grunde an die Vernunft der wohlwollenden Machthaber, auf Distanz zu ihren eigenen Interessen zu gehen. Schön wäre es."

Ja, war nie so. Und gerade noch weniger.

Das Buch führt ins Werk Hegels gut lesbar ein, und mit 589 S. wird man mit Hegels Leben und einer Einführung in sein umfangreiches Werk belohnt. - Es gibt viele Einführungen in Hegel, ob nun diese vorzuziehen ist, kann ich nicht sagen, kenne ich nur wenige. Kaubes Versuch, die Sache sprachlich aktueller zu machen, ist, nun ja, eigentlich verzichtbar, denn wenn er Namen aus der Gegenwart, Beispiele fallen lässt, ist der Erkenntnisgewinn gering. "Grillgut" - andere Philosophen, die in Rezensionen bearbeitet werden. Ja ganz nett!

Seine Stärke hat das Buch im Nacherzählen, dem Leben und der Entwicklung Hegels Philosophie, die durchaus einen guten Eindruck macht und neue Zugangsweisen eröffnet. Auch wenn es etwas abgedroschen klingen mag: zum Nachdenken anregt. Und v.a. Weiterlesen!

Ich werde mir nochmals von Lukács "Der junge Hegel" vornehmen, der, wenn ich mich recht erinnere, bis zur Phänomenologie kam mit mehr Seiten.

Man findet natürlich auch die Herr-Knecht-Dialekt bei Kaube, auch das Wort Kapitalismus kommt vor; nicht eben häufig. Und natürlich lebt Hegel in einer Zeit, wo sich Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft gerade entwickeln. Das erscheint mir etwas unterbelichtet, auch wenn andererseits seine Entfaltung der missverständlichen Sätze mit Vernunft und Wahrheit und Ganzes... mir gut gefallen hat.

Hegel als Philosoph der Vernunft und Dialektik hätte auch heute seine Zeit. Nicht aber die Hoffnung auf Reformen von Oben, vom Beamtenapparat ganz zu schweigen. Es geht ohne dessen Erben nicht, weil die Zeit vorangeschritten ist: aus dem Früh- ist der Spätkapitalismus geworden. Die, ein paar, werden kurz am Ende des Buches noch erwähnt. Ohne die ist freilich kein Hegel mehr, und deshalb ist zwar das Buch zu empfehlen, aber die Geschichte geht weiter, die Eule der Minerva fliegt immer noch, und damit ändert sich unser Bild der Vergangenheit.

Der Weltgeist, heißt es bei einem von Hegels Erben, hat die Fronten gewechselt. Mit Hegel aber stoßen wir gerne auf die französische Revolution (1789) an. Zum Wohl.

Jürgen Kaube: Hegels Welt. Berlin 2020

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PS: Wenn man bedenkt, dass Lenin einen "Konspekt zu Hegels 'Wissenschaft der Logik'" geschrieben hat, fragte man sich, welcher unserer heutigen Politiker wohl dazu in der Lage wäre? Oder dazu auch nur einen vernünftigen eigenen(!) Gedanken zu äußern? Frau Giffey, Frau Baerbock, Herr Scholz usw.?

09:19 10.09.2021
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