Herzog Blaubarts Burg (Oper)

Stuttgart Paketpostamt
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Diesmal hatte ich mich vorbereitet, zumindest hatte ich eine lange Unterhose an und flache Schuhe. Die Oper spielte diesmal im früheren Paketpostamt, das nun wohl leer steht und als Spielstätte während der Renovierung der eigentlichen Oper im Gespräch war. Nachdem es verschiedene Schätzungen über die Kosten dieser Zwischennutzung gab, die so zwischen 55 und 115 Millionen schwankten, entschied sich der hiesige grüne OB, dass das zu teuer wäre. Nun wird ein anderer Ort für ca. 80-90 Millionen von demselben favorisiert...

Nun ja! Es hat ja seinen Charme, wenn in diese Industrieruinen der Kulturzirkus einzieht, es Zwischennutzung gibt, die Galerie-, Freizeit- und Kreativbranche diese Räume okkupiert.

Wo früher Hunderte, ja Tausende von Menschen Arbeit fanden, wuseln dann ein paar Praktikantinnen herum mit ihren netzwerkaffinen Machern im Hintergrund. Schlimm! Schlimm!

Aber das ist eben die hiesige Kultur: ein großes Pflaster auf der neoliberalen Wunde.

Es wurde angeraten flache Schuhe anzuziehen wg. der Plastiküberzieher (Kondome), die über die Füße kämen, weil man zur "Burg" durch Wasser zu waten hätte; und die moralisch schwachen Stuttgarter es eben nicht schaffen, wie ihr Vorbild, darüber zu gehen. Und wg. Kälte würden Decken bereit gestellt. Deshalb meine lange Unterhose!

Wir wurden, wie früher wohl die Paket- und Briefsendungen dann blockweise abgefertigt, kamen in eine improvisierte Umkleidekabine, wo ein junger Mann, der aussah, als wäre er von früher übrig geblieben, uns eine Art stimmungsmäßige Einführung gab mit dem Hinweis, wir hätte dabei zu schweigen.

Kurzes Lob für Herrn H., der leider nicht dabei war. Seine Schwester meinte, er wäre sofort, nachdem er das alles gesehen hätte, wieder gegangen. Nun, Bürger sind rar, und unsere machen alles mit.

Das erinnerte mich an die "Nashörner" in Esslingen, die ich wohl nicht ganz verstanden habe in ihrer aktuellen Bedeutung, wie Herr Rothschild mir erklärte und mit einem entsprechenden Lektürehinweis (Ernst Fischer* über Beckett) untermauerte.

Nun ja (Wdh.), ich habe da einen Vorschlag, um das zu überprüfen: Bei der nächsten Inszenierung müssen alle durch eine Tür, deren oberer Balken wird nach unten gehängt, so dass er bei ca. 1,50 m hängt. Da müssen dann alle durch und den "Diener" machen. Das wäre doch ein super Event und würde die gegenwärtige Lage des (Kultur-)Bürgertums im Verhältnis zur imperialistischen und neoliberalen Regierung treffend illustrieren.

Wie auch immer: enge Bestuhlung, gute Hallentemperatur: ich schwitzte ordentlich. Dazu kamen die Plastiküberzieher über den Schuhen, was warme Füße gab.

Die Halle ist, pardon, ebenerdig: also wenn sie nicht in der ersten Reihe saßen, sahen sie recht wenig, zumal vieles von dem wenigen ebenerdig geschah, ein Bretterlaufsteg, eine Art Bio-Cat-walk, wurde zwar auch genutzt, aber... Die Ausstattung düster, die Bäume hätten es verdient, ins Wasser gestellt zu werden, sie waren heillos vertrocknet.

Richtig gut sah nur das in relativer Ferne von mir aufgebaute Orchester auf, die paar Glühbirnen ließen kurzzeitig gemütliche Stimmung aufkommen, aber eigentlich sah es aus wie die glitzernde Skyline von New York (bzw. a.a.O.). Sie, wie die beiden SängerInnen, erfüllten ihre Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit.

Der Beifall setzte eher spärlich ein, fast ein wenig von den Akteuren provoziert, blieb insgesamt auch freundlich mit einzelnen Bravos, die den sehr guten beiden SängerInnen galten. Übrigens sah der Blaubart so aus, dass man ihm trotz Alter nicht nachts im Park begegnen wollte, zumindest nicht ohne griffbereiten Euro.

Lohnt sich das? Ich denke - so viel Aufwand für eine davon unberührte Oper?

Irgendwie kam anschließend das Stichwort symbolistische Oper auf, d.h. es drängt sich die Frage auf: Was soll das alles? Mir wurde dann gesagt, dass es wohl eine Mahnung an die Frau sei, dem Mann seine dunklen Seiten zu lassen, dass das alles-Wissen-wollen eine Art Machtanspruch sei. Also handelt Blaubart aus einer Art Notwehr?

Ich denke - nun ja: "denken" - (als schlichter Charakter) auch in der Oper gibt es Serienmörder und seine vierte oder achte Frau (etwas unklar) wäre sowieso sein Opfer geworden, Liebe heilt keine "Verrückten". Ach, und das Öffnen verschlossener Türen (wo ist Freud?) hatte leider nicht den gewünschten therapeutischen Effekt.

Und Blaubart fehlte wohl das Durchsetzungsvermögen; Lohengrin konnte noch zu Elsa sagen: 'Nie sollst du mich befragen, / noch Wissens Sorge tragen, / woher ich kam der Fahrt, / noch wie mein Nam' und Art.' (Siehe: Vaget "Wehvolles Erbe", 2017, S 404 f.). Trotzdem: Ein Hoch der Neugier!

Nein, ich empfehle diese Aufführung nicht, und keineswegs sollte man alle Zumutungen, auch wenn man sie teuer bezahlt, dulden.

Wo ist das Paketpostamt hin? Wir vermissen es!

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PS: Der kulturelle Höhepunkte des Abends fand dann im nahe gelegenen thailändischen Lokal statt.

PPS: Was ich demnächst lese: Dirk van Laak: Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert. München 2005

* siehe: Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen. F./M. 1994:
"Mit noch so vielen privaten Leben ist man auf dem Holzweg, wenn das gesellschaftliche Ziel, der geschichtliche Inhalt fehlt."

11:11 03.11.2018
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