Hexen

Magie ver.di macht Werbung
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In ver.di Publik 8/20, ich bin etwas hinterher, entdecke ich eine Buchrezension bzw. eine Werbung: "Bilder-Welt". Es geht um ein exotisches Thema: Roma-Frauen. Und um deren mögliche materielle Unabhängigkeit von Männern. Und um deren originellen Beruf: Hexen. Dazu das Beispiel von Frau Minca. Überraschend ist, oder auch nicht, dass Frau Minca nicht alleine diesen Beruf ausübt, so soll es noch weitere 1.000 rumänische Frauen in Südosteuropa geben, die ähnliches praktizieren.

Ihr Beruf scheint diese Frauen gut zu nähren und ihnen auch eine starke Stellung im männergeprägten Alltag zu verleihen. Dabei sind diese Frauen nicht von gestern, sondern ihre Zauber reichen in die neuen "sozialen" Medien hinein. Sie sind schon so bekannt, erfahren wir weiter, dass es Anfragen aus Indonesien bis USA gibt. (Ob auch eine Anfrage von D. Trump vorliegt?)

Die Fotografin hat die Frauen begleitet und herausgefunden, "dass es sich hier keineswegs um Beutelschneiderei mithilfe von Wahrsagerei und Hokuspokus handelt." - Beutelschneiderei stammt aus anderen Zeiten, heute geht es eher mit Kreditkarte. Vielmehr wird hier dokumentiert, und sie hat das erlebt, "wie verwurzelt Mystik und Magie im Alltag moderner Hexen sind."

Nun, dafür macht man in meiner Gewerkschaftszeitung Werbung. Ich frage mich, warum nicht Leute wie Söder oder sein treuer Knappe Kretschmann auch dort Werbung machen, auch ihre Magie ist erfolgreich, zahlt sich in Zustimmungen und Wahlen und deren schöne Folgen aus. Auch ihre Magie wurzelt tief im Alltag (autoritäres Bewusstsein) und bedient dieses. Und ähnlich wie bei der Wahrsagerei, wenn diese nicht ganz erfolgreich ist, dann haben die Leute es eben noch nicht richtig gemacht. So könnte man glauben, das Super-Virus sei gekommen, um die Glaubensfestigkeit der Untertanen dieser modernen Herrscher zu testen, bzw. deren Magie, die, wenn sie nicht so wirkt, wie gewünscht, dann hilft nur noch mehr Hühnerknochen, Taubenfedern usw. in den Hexenkessel, auf dass die Medizin nun endlich wirke. Das wird sie dann auch spätestens im wärmenden Licht des Frühlings und heißen Sommers. Wir schließen daraus, dass der Klimawandel bei uns doch auch sein Gutes hat?! Nennen wir das mal negative Dialektik.- Das ist freilich falsch, denkt man an den Autor, der diesem Begriff(?) bzw. Verfahren, seinen - meiner Meinung nach - guten Ruf verschafft hat. Tatsächlich ist das höchst umstritten, aber genug vom methodologischen Hochflug.

Da erinnere ich mich an die Frage jenes Autors: "Ist Aberglauben harmlos?". Ob es gelingen kann, die Magie zu nobilitieren, indem man sie in den Alltag einbettet, ist in der verwalteten Welt eine Frage!? Bei unserem Autor wurde das als Aberglauben aus zweiter Hand bezeichnet.

Den neuen Aberglauben könnte man als eine Art Ersatzrationalität bezeichnen, der durch einen Zustand hervorgebracht wird, indem die Massenkommunikationsmittel zwar früher undenkbare Mengen an Informationen auf die Menschen los lassen - obwohl man da auch Gegenbewegungen erkennen kann -, die Menschen aber aus strukturellen Gründen nicht zu autonomen und rationalen Menschen "gemacht" werden, die fähig wären, aus diesen Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen. (Das mag die Zustimmung zu unseren neuen Cäsaren der Pandemiebekämpfung erklären.)

Die Entscheidungsmöglichkeiten der Menschen sind noch weiter geschrumpft, und gehen jetzt, es lebe die Demokratie, gegen ziemlich bedeutungslos. (Nicht mal der "geistige" Konsum macht mehr Freude, da einem überall die gleiche Soße gelauterbacht wird.)

Ganz anachronistisch lese ich auch schon das Geheimnis der Zustimmung zu noch härterem Lockdown aus diesem alten Vortrag: "Wir wünschen irgendwie unbewußt, damit wir endlich unsere Ruhe haben - ... - daß die ganze Chose in die Luft geht."

Neben dem Text über das Hexenbuch sieht man diese in einem Halbkreis, der Kamera hin geöffnet. Vier Frauen in schönen roten Kleidern haben sich an den Händen gefasst, in der Mitte ein Feuer, und sie schauen in den Himmel als wollten sie den Regengott beschwören. Besser wäre die Rachegöttin, aber die würde nicht zu diesem wunderbaren Bild passen.

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PS: Was ich gerade lese

Tatsächlich gibt es seltsamerweise immer wieder neue Bücher zum Thema Adorno, auch wenn man meinen könnte, da wäre schon genügend gesagt. Insofern ist jedes Buch auch eine Kritik der vorangegangenen, und mit etwas Ellenbogen kann Platz für das eigene geschaffen werden, das neu und originell uns eine unbekannte Seite des Autors eröffnet. Selbstverständlich hat jede Zeit ihren eigenen Zugang zu den Klassikern mit unterschiedlichen Schwerpunkten, der arme Karl Marx, so oft interpretiert und nicht verwirklicht, könnte da ein garstiges Lied singen. Lassen wir uns überraschen:

Iris Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. Edition Tiamat 2020.

Passt gut in die Zeit des kulturellen Lockdowns, der Fußballspiele erlaubt, aber Theater und Oper als nicht systemrelevant schließt. Welche Bestätigung braucht es noch für den Niedergang des (Kultur-)Bürgertums? Und frei nach Adorno: Weil es in der Welt keinen Fortschritt mehr gibt, darf es in der Kunst auch keinen mehr geben.


PPS: Danke für die Motivation Herr B.

11:17 19.01.2021
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