Ibsen: Die Wildente

Stuttgart Was kann man hier lernen?
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Eine unechte Premiere fand das gebildete Publikum, eigentlich ein "Betrug", da es diese Inszenierung schon 2014 in Mannheim gab. Da wir damals nicht dabei waren, können wir das freilich nicht beurteilen.

Was aber gleich mein Missfallen erregte, war der Kotau, den der Intendant, ein gewisser Herr Kosminski aus Mannheim, in einigen Reihen vor mir veranstaltete. Er kam in den Publikumsraum, begrüßte den Herrn Oberbürgermeister aus Stuttgart mit Handschlag, der in seiner grünen Reihe saß, und ging wieder. Der Hofnarr begrüßt den König, dachte es vielleicht etwas unfreundlich und ungerecht in mir?

Herr Kretschmann, der vom kommunistischen Saulus zum katholischen Paulus wurde, und hier vermutlich deswegen und seiner Liebe zur Automobilindustrie so geschätzt wird, war erfreulicherweise nicht da, obwohl ihm das Stück sicher so wie die 7 Todsünden gefallen hätte.

Bei der Wildente hingegen durfte der frühere Oberbürgermeister nicht fehlen, der aber nicht extra begrüßt wurde.

Das Stück wurde bearbeitet, etwas ungut gekürzt (um seine Dialektik gebracht) und ganz nett modernisiert. Die Figuren sind überzeichnet, etwa die 15-jährige Tochter, aber nicht wirklich schlimm. Das Ganze wurde im ersten Teil (ohne Pause aus den bekannten Gründen) eher mit viel Situations- und Sprachwitz angeboten; konservativ gespielt, Bühnenbild stark reduziert, dadurch eher angenehm.

Ich finde es schön, wenn junge Musikerinnen unterstützt werden, ihr Platz sollte bis auf ganz seltene Ausnahmen in der Oper, bei Konzerten, Parties usw. sein. Was die E-Gitarristin und Sängerin (Seufz) in diesem Stück verloren hatte, ist mir unklar. Sollte verhindert werden, dass die von Musik zu kontrollierenden Emotionen abschweifen in theaterfremde Regionen, z.B. zum Umgang der Grünen Rathausspitze mit dem zweifelhaften Mitarbeiter der Auslandsabteilung des hiesigen städtischen Krankenhauses? (Das kostet uns viel Geld!) Oder zum Feinstaub?

Da können wir nur vermuten; zumindest wurde das Spielen und Singen im Laufe des Abends etwas nervig.

Die gute Stimmung kippte erwartungsgemäß in die absehbare Katastrophe des Stückes. Wir hatten das Stück schonmal in Zürich mit soviel Nebel gesehen, dass es nicht ohne Husten in den vorderen Reihen abging. (Psychologisch induziert, aber dennoch.) Da gab es wenigstens eine Pause um der Katastrophe auf der Bühne zu entgehen. Hier wären wir nicht gegangen, weil das Stück doch insgesamt sehenswert ist, wenngleich sicher kein Glanzpunkt. Immerhin muss der Grünen Reihe vor mir die Moral gefallen haben: Wir kleinen Leute brauchen eben unsere kleinen Lügen, für unser doch nicht schlechtes Leben. Die großen Leute, die das sehen, denken sich entsprechendes. Das war dann das affirmative Ende des Stückes und so gestärkt, konnte man zur Premierenfeier eilen oder das Haus zügig verlassen.

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Natürlich hat auch dieses Stück der Lokalzeitung wieder sehr gefallen, indem sie es entsprechend umdichtet in eine "Abrechnung mit der Tyrannei von Therapeuten & Sekten, die Wahrheit und Erlösung predigen, aber Zerstörung und Vernichtung bringen." Je größer der Hammer, desto besser trifft man. Da bleibt freilich nichts unbeschädigt.

18:02 17.02.2019
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