Im Ohr: Adorno

Teil 1 (Die Hälfte) Über musikalische Erfahrung und Emanzipation
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Schon überraschend, dass man immer wieder Bücher über Adorno findet. Ich meine neue. Dass es genug alte gibt, die man noch nicht gelesen hat, und es in diesem Leben vielleicht auch nicht mehr schafft, steht dahin. Bei aller Liebe gibt es nun auch noch andere.

Rätselhaft ist dieses Buch umso mehr, als dass die jungen Leute im Verdacht stehen, ihre Karriere genau zu planen, also keineswegs so blauäugig sind wie manche aus der vor-vorherigen Generation, deren mögliche Karrieren so eigentlich erwartbar geendet sind, wie einst die der Sozialisten in der Weimarer Republik. Wir sind in Deutschland, das nun wieder "groß" ist.

Ob es Frau Dankemeyer hilft, dass sie durchaus originell ans Thema geht, etwas Abseitiges bzw. Abstehendes gefunden hat, das trotzdem die Mitte, das Zentrum, in sich hat? (Oder auch nicht.)

Am Bemerkenswertesten scheint mir der Stil dieser Arbeit, Frau Dankemeyer hat sich fast ganz Adorno angeeignet, fast möchte man schreiben: hingegeben, freilich mit den nötigen Distanz. Mitunter weiß man außerhalb der Zitate nicht genau, wer da spricht, was die Sache eher interessanter macht. Das ist freilich nicht immer durchzuhalten, gelegentlich kommt die Doktorandin durch, wenn sie, was eben zitiert wurde, nochmals bestätigt, bekräftigt, "unterstreicht", das scheint für die etwas unaufmerksamen LeserInnen (Prüfer) gedacht.

Es ist nicht leicht, über Adorno noch Neues zu schreiben, man muss einen originellen bzw. originären Zugang finden, so will es die Promotionsordnung. Tatsächlich entdecke ich manches, was mir bisher unbekannt war, manches freilich auch, wo ich mich frage, ob das wirklich die "Sache" erhellt.

Manchmal wird Frau Dankemeyer drastisch, das sind nicht die schlechtesten Sätze: "Denn wenn 'der Geist sich also von der Erde löst', bleiben dort nur Blut und Boden übrig." Auch der nächste Satz hat es gleich in sich. Aber lesen Sie doch selber, freilich von vorn.

Das Buch ist nun keine musiksoziologische Interpretation bzw. Nacherzählung des Musikphilosophen und -Soziologen Adorno, bis S. 180 (Stand heute) kam noch kein Wagner vor, sondern eine Annäherung über die Lebens- und Überlebensorte Adornos. Themen sind, wie es der Untertitel beschreibt "musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno". Dies v.a. über Adornos Leben, soll heißen weniger z.B. über eine Interpretation etwa Schönbergs Stücke. Für Nicht-Musikologen heißt das, sie brauchen kein Klavier zu Hause um das vierhändig nach zu spielen, um zu verstehen suchen.

Ist das Buch so gut, dass wir uns Sorgen um Frau Dankemeyers berufliche Zukunft machen müssen? Ich bin mir nicht sicher, nachdem ich ungefähr die Hälfte gelesen habe.

Das Buch eignet nicht so richtig für Adorno-Anfänger. Ob es ein Buch ist, das sie v.a für sich geschrieben hat, um darin eine stolze Bilanz ihrer umfangreichen Lektüre vorzulegen?

Einmal fehlt ein Wort in einem Zitat (101), beim Thema Toleranz vielleicht Marcuse, aber das ist leicht zu schreiben.

Ein Problem der akademischen Engführung eines Autors, der sich dagegen wehrt, ist, ob man ihm dadurch gerecht wird? Aber das ist die Frage nach der (bürgerlichen) "Wissenschaft" heute! Die Bedeutung individueller Erfahrung, die heute (so) nicht mehr möglich ist, weil es kein (jüdisches?) Bildungs-Bürgertum mehr gibt, der Konkurrenzkapitalismus dem Imperialismus oder Monopolkapitalismus gewichen ist, der immer noch und gerade wieder verstärkt die Mittelschicht zermalmt, kurz: wie soll man Adorno heute und nicht nur historisch verstehen?!

Da hilft Frau Dankemeyer, aber was hilft (und hindert) dabei ihr eigenes Leben?

Das scheint (wir sind ja dialektisch) in manchen Abschnitten wie dem über Pop-Musik und Kulturindustrie auf, oder in Sätze wie: "Das neue Ideal erotischer Ausstrahlung ist es, selbstsicher und kraftvoll wie Autos und Flugzeuge zu sein." Doch halt, ist doch auch schon wieder überholt. Aber wir erkennen in diesem Abschnitt mit Hilfe Hobsbawms die Veränderung, die keine war und doch ums Ganze...

Wer im home prison hockt, und auf die erlösende Spritze wartet, sich vom finalen Virus bzw. seinen neoliberalen Freund/Feinden nicht verrückt machen lässt, also noch nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennt, nun, der kann sich rüsten für die "Freiheit" und den Geist wach halten. Vor mir liegt da ein Hilfsmittel.

Iris Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs . Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno. Edition Tiamat 2020, 403 S.

19:01 27.01.2021
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