In der "Eisenbahn" (Schwäbisch Hall)

Restaurantkritik Und: Eine Krone für die Krone
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Ist man in Schwäbisch Hall, kann man zwischen einigen Lokalen wählen, wenn man gut speisen möchte. Wir haben zwei probiert.

Da gibt es ein Gourmetlokal, das sich aus historischen Gründen Eisenbahn nennt.

Im Gegensatz zur FAZ (online: 22.6.19) freilich, in der sich der Kritiker an das Lied von der schwäbischen Eisenbahn erinnert fühlt, assoziiert unsereiner bei dem Wort Eisenbahn alles mögliche, nur nicht romantisch geistige Eintrübung.

Man erreicht das Lokal gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, muss nur ein paar Schritte bergab vom nahe gelegenen Bahnhof oder der Bushaltestelle gehen. Aber wer fährt in ein Gourmetrestaurant mit den öffentlichen Verkehrsmitteln?

Man könnte im dazu gehörenden Hotel Landhaus Wolf übernachten; wir haben aus verschiedenen Gründen aber den Gasthof Krone vorgezogen, und auch wenn unser Zimmer unterm Dach die bekannten und hirnanstößigen Schrägen aufweist, es nicht bereut! Das lag zum einen an der ausgezeichneten Küche, mein vegetarisches Mahl sehr gut und interessant, v.a. aber auch am freundlichen Personal. Besonders morgens beim Frühstück - keine Musik -, es gab Kaffee in einer Kanne (kein Automat!), war die Bedienung freundlich, engagiert, interessiert, ein bisschen neugierig, aber keinesfalls aufdringlich, also besser geht nicht.

Auch in der "Eisenbahn" gibt es ein vegetarisches Menü, man kann die Speisekarte in ihrer homepage studieren, dessen Hauptgang mit "Blanc manger" anfänglich beschrieben wird. Kenne ich nicht; es ist schwer, wenn man kein ganz großer Fachmann auf diesem Gebiet ist, oder mit jahrelanger Erfahrung gesegnet, die Speisekarten in Gourmetlokalen zu verstehen. Nun, es gibt Menschen, die meinen, das wäre auch nicht relevant, weil die Grüße aus der Küche mitunter sowieso die Hauptsache ausmachen - und die sind unberechenbar. Und was die Bedienung dazu murmelt, ist hart an der Grenze zum einschläfernden Kinderlied. Nachzufragen, ist weniger kritisch, weil man sich damit blamieren könnte, sondern, ähnlich wie bei manchen Soziologen (oder Philosophen), damit/danach nichts klarer wird, sondern alles nur noch schlimmer.

Wir waren in weinfachmännischer Begleitung in der "Eisenbahn", die aber nicht so richtig in Fahrt kommen wollte, weil der Oberkellner, Sommelier wollen wir ihn nicht nennen, unseren Wein im Weinkeller nicht fand. Unklar, welcher Teufel ihn ritt, aber er meinte, ähnlich wie die Deutsche Bahn, die mitunter, nicht immer, irgendeine sinnlose Erklärung für Zugausfälle und Verspätungen bereit hat, uns dieses Malheur erklärend entschuldigen zu müssen: Chef ist gerade in Russland usw. Der kam freilich im Laufe das Abends noch um sich uns kurz vorzustellen... Egal.

Übrigens tranken wir Weiß (Vorspeise), Rot (Hauptspeise), Weiß (Nachspeise). Die Weine trotzdem ausgezeichnet.*

Die Getränkekarte, die man erfreulicherweise ebenfalls im Internet studieren kann, hat 46 Seiten, im Lokal war die Weinkarte ein dickes Buch, wie wir es ähnlich nur in einem Pariser Lokal bekamen, dort allerdings nur mit französischen Weinen, wenn ich das richtig mitbekommen haben. (Ich lese selten die Weinkarte, v.a. nicht, wenn ich mit Weinkennern zusammen trinke. Man muss wissen, was man wissen muss und was nicht...)

Auch in einem Stuttgarter italienischen Lokal der gehobenen Klasse ist uns das schon passiert, es gab einen gewissen Widerspruch zwischen Literatur (Weinkarte) und Leben (was da ist). Nun stellt sich die Frage, woher rührt das?

a) Man trinkt die Weine, die alle trinken, die sind dann gerade ausgegangen. Unwahrscheinlich, schon wg. der Auswahlkriterien, gute Weinkenner sind auch keine Massenerscheinung. Und schon gar keine, die ihre Empfehlung nicht nur an der Auswahl der Gerichte, sondern auch der der Gäste orientieren.

b) Die Karte ist veraltet. Nun, dann könnte man besser statt eine Art "Buch" zu einer Loseblattsammlung übergehen, die freilich gepflegt werden muss, wie eben auch der Weinkeller.

Der Oberkellner trug einen jener Anzüge, die schon einige Jahre in der Mode sind. Wenn sie gekauft werden, sind die Leute noch jünger, dünner, kleiner, und sie wachsen dann etwas aus den Anzügen heraus oder arg in diese hinein. Wenn diese Mode etwas aussagen will, dann nur dieses: Die Männer wachsen, sind also keineswegs am Ende sondern mittendrin, nicht in der Pubertät sondern ihrer Karriere. Sie drohen alle Fesseln zu sprengen, und zumindest die Banker haben ja auch die moralischen schon lange gesprengt, wenn das jemals anders gewesen sein sollte? Kurz: Unser Oberkellner hatte etwas von einem nicht ganz gezähmten, kräftigen Bauernkind an sich, das seine Fesseln zwar an diesem Abend nicht sprengte, aber zumindest eine Ahnung uns zukommen ließ, dass damit irgendwann zu rechnen sei. (Man kann nur hoffen, dass er dann nicht wie Wozzeck seine Marie tötet!)

Doch zurück in die "Eisenbahn". Über das Essen lässt sich nichts kritisches sagen, außer eben bei meinem vegetarischen, wo ich mir nicht sicher bin, dass wenn Blanc manger aus Eischaum gemacht wird, dieses im strengen Sinne vegetarisch ist. Vermutlich habe ich da etwas falsch verstanden. Lese ich aber die Rezepte dazu im Internet, bin ich doch etwas irritiert.

Alle waren mit ihren aus den zwei weiteren Menüs zusammengestellten Gängen sehr zufrieden, wenngleich die Dame feststellen musste, dass das alles doch irgendwie konventionell war, was keinesfalls kritisch zu verstehen ist. Man muss eben wissen, worauf man sich einlässt. Sie hatte übrigens eine ca. 20-30 Jahre alte Restaurantkritik dabei, wo schon damals etwas an der Bedienung nicht ganz perfekt war; dem musste unser Tisch mit einer Ausnahme leider zustimmen. Man kann vom Oberkellner nicht erwarten, dass er mit alten Weinprofis mithalten oder auch mit Gästen aus dem Ausland kommunizieren kann, wie mit seiner Mutter, obwohl sein Englisch nicht schlecht war. Wie werden die Angestellten bezahlt und wie werden sie aus- und weitergebildet?!

Wenn nun der ungeduldige Leser wissen möchte, ob er eher in die Krone oder in die "Eisenbahn" sitzen sollte, dann würde ich für die Übernachtung die Krone empfehlen, angenehm ruhig, und auch wenn man nur einmal Zeit hat, dort zu speisen. Natürlich ist dort auch das Publikum normaler, also angenehmer. In der "Eisenbahn" muss man natürlich mit Investoren oder Business Leuten rechnen...

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* Ich verzichte hier die Weine und weiteren Menüs an unserem Tisch zu nennen, weil ich das für sinnlos halte. (Und leider auch schon vergessen.) Der Grund ist einfach: Weil die Menschen verschieden sind, sind auch ihre Geschmäcker verschieden, also wenn ich einen Wein empfehlen wollte, selbst einen "guten", ist damit nicht gesagt, dass er Ihnen, liebe Leser(i)nnen, schmeckt. Man sollte offen sein und probieren, mehr kann man (ich) nicht raten. Und natürlich die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen!

Doch vielleicht einen, den wir aber woanders entdeckt haben: Maximin Grünhaus: Das Kapital (Riesling).

11:44 30.09.2019
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