Jugend ohne Gott

Kammertheater Stuttgart Ödön von Horváth
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Offensichtlich haben sich einige auf diesem Abend besser vorbereitet als ich, da in der Stadtbibliothek der Roman und die Hilfen für das entsprechende Abiturthema ausgeliehen sind.

Der Roman, 1937 erschienen, gilt als antifaschistisch. Das kann man nachvollziehen, geht es in dem Stück doch um eine Jugend, die sich freiwillig zum Kanonenfutter degradiert. Ernst Jüngers "Stahlgewitter" könnte einem einfallen.

Zuerst sieht man freilich ein Bühnenbild, das weder realistisch noch naturalistisch ist; ist es damit surreal oder eher symbolistisch? Mir erschien es schon schwer nachvollziehbar, warum diese riesigen Bleistifte am Bühnenhimmel hängen, manchmal etwas hoch und dann wieder heruntergezogen werden. Noch rätselhafter war eine Art Kettenkarussell mit Metallrohren, die irgendwann entfernt wurden, dann wurden schwarze verkohlte(?) Mieder oder Korsetts(?) an das Karussell gehängt. Kann man natürlich anders sehen, aber was das sollte, konnte mir keiner meiner Freunde sagen.

Die Lehrer-Schüler Thematik in einem autoritären System ist zeitlos, aber hier wurde sie aus der Zeit genommen, vielleicht damit wir sie in unsere übernehmen? Wobei wir heute in der Schule etwas andere Probleme haben, oder man sieht sehr abstrakt Facebook etc. als Fortsetzung des (nationalsozialistischen) Radios. Mehr oder weniger freiwillige Selbstunterwerfung, Konformität und Opportunismus aber bleiben brennend aktuell.

Das Gerede des Lehrers, des Pfarrers und einiger der Schüler über Gott, der entweder das Schreckliche schlechthin ist, oder auch nicht da, scheint mir aus der Zeit gefallen. Man könnte vermuten, diese Art von Selbst-"Reflexion" ist heute nicht mehr denkbar. Aber vielleicht irre ich mich? Leider nimmt das religiöse Elend, die Gläubigen, ja eher zu statt ab, und zu unseren wunderbaren christlichen und jüdischen Religionen kommen nun noch massenhaft die islamischen. Aufklärung findet im Namen der Toleranz nicht (mehr) oder kaum statt oder mitunter nur schwer bewacht. (Auch ein Staatsversagen. Aber Staat und Religion kommen bei uns offensichtlich nicht ohne einander aus - warum wohl? Immerhin ein Thema im Stück.).

Im Theater waren, da wir bei der gescheiterten Aufklärung sind, auch eine Anzahl von Leuten mit Bändern um den Oberkörper und passenden Mützchen, die weniger der Kälte geschuldet waren. Zu den Jungen kam noch ein Alter, den sie wohl als Lichtblick in eine vielversprechende Zukunft umschwirrten. Wir rechneten schon mit dem Schlimmsten, auch wenn man weiß, dass nicht alle Verbindungen nazistisch sind; so ist das doch eine schiefe Ebene und wir lernten zumindest aus dem Stück, dass da schwer ein Halten und eine Umkehrt sind. Doch der Skandal blieb aus, das war dann der eigentliche.

Dem Stück wurde der Stachel gezogen, wenn es denn durch eine entsprechende Inszenierung in unsere Zeit hätte transportiert werden können. Denn die Themen Perspektiv- und Ziellosigkeit, die "Lust" am eigenen Untergang, den man freilich nicht alleine vollziehen möchte, sondern in Reih und Glied, bleiben. (Und damit ganz anderen Zielen dient.)

Geht der Gott und seine Ordnung verloren, sind leider auch seine Schäfchen verloren, das ist das traurige und die Mahnung - das irdische Jammertal doch in ein annehmbares Plätzchen zu verwandeln. (Das wäre doch auch schöner Sinn des Lebens?!)

Freilich, bis man hierzu im Theater a) eine entsprechende Anregung findet, b) wenigstens die Probleme mit der nötigen Schärfe analysiert und dargestellt werden, da müssen wir noch (lange) warten. Trotzdem war diese Romanadaption deutlich besser als das, was wir in den letzten Jahren in Stuttgart ertragen mussten. Leider ist besser noch nicht gut genug.

09:49 26.11.2018
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