Kanaillen-Kapitalismus (Rezension)

Sozialcharakter Der Untertan
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Ich habe das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen. Herr H. hatte es irgendwo zufällig entdeckt und vermutet, das wäre wohl was für mich.

Zumindest ist der Ansatz auf den ersten Blick interessant, da erzählt einer, der es immerhin zu einer Soziologe-Professur gebracht hat, anhand seiner lebenslänglichen Lektüre über die Zumutungen des Kapitalismus und seiner Durchdringung aller Lebensbereiche.

Insofern habe ich ein paar neue Titel entdeckt, die ich irgendwann einmal lesen kann. Dass das nicht ohne Zufall und Willkür abgehen kann, ist noch nicht schlimm.

Ich selber bin etwas systematischer in meiner Lektüre als Student vorgegangen, indem ich alle Romane die Lukacs oder die Autoren der Frankfurter Schule analysiert haben, gelesen habe. Und so kenne ich Romane, z.B. aus der jungen Sowjetunion, die heute leider niemand mehr kennt. Kürzlich habe ich einer Lehrerin, die mit jungen Migranten arbeitet, Makarenko empfohlen.

Es gibt gute biographisch motivierte Soziologie - z.B. Bourdieu oder Eribon gehören hierher. Mir war das vorliegende Buch aber zu willkürlich, unsystematisch und oberflächlich. Literatursoziologie, die es m.W. nicht mehr gibt, wäre etwas anderes.

Natürlich gefallen einem die vernichtenden Urteile über die gegenwärtige Gesellschaft, und manchmal, bei Romanen aus Afrika bzw. Lateinamerika wird es interessant; aber dann geht es schon weiter. Weniger wäre besser gewesen.

Insofern kann ich das Buch nicht wirklich empfehlen. Statt dessen würde ich Heinrich Mann: Der Untertan empfehlen. Ein Buch, das ich mir leider erst jetzt vorgenommen habe.

Was ich sehr interessant finde, ist der Sozialcharakter des deutschen Spießers den H. Mann dort zeichnet. Ich habe nämlich die Idee, dass man diesen Typus auch noch heute findet, aber eben "gute" 100 Jahre später. Dabei denke ich an einen führenden Lokalpolitik in Tübingen, einen Ministerpräsidenten, oder ein Fraktionsvorsitzenden der Linken, der nicht schnell genug seinen Kotau von der Macht der herrschenden Institutionen machen kann. (Das Neue Deutschland versuchte das dann etwas zu relativieren, leider etwas oberflächlich.) Dass es in anderen Parteien von diesem Typus wimmelt, steht dahin, mich interessieren die, die bei uns Thema sind.

Nun, vielleicht irre ich mich ja auch, aber würde die Linke nun einen Gesetzentwurf in Berlin zur Verstaatlichung der Wohnungsunternehmen einbringen; sie hätte meinen Respekt zurückgewonnen.

César Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft. Ed. suhrkamp 2018

18:37 09.01.2019
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