Kulturelle Reaktion: des Königs Geburtstag

Stuttgart Das Bürgertum feiert - ein Beispiel
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich traue der grünen Personal- v.a. aber der grünen Kulturpolitik nichts Gutes zu. Beispiele erzähle ich immer wieder in meinen Texten. Nun hat ein Freund mir eine Einladung weiter geleitet, die meine schlimmsten Befürchtungen der kulturellen Reaktion des Bürgertums in diesem Lande bestätigt:

-----

Geburts­tagsdin­ner für und mit König Wil­helm II. 25.02.2019, 19:00 Uhr

Im StadtPalais aka Wilhelmspalais residierte einst König Wilhelm II., und am 25. Februar wäre der gute Willi 171 Jahre alt geworden. Diesen Geburtstag möchten wir gerne mit Euch feiern – mit einem Geburtstagsdinner für und mit König Wilhelm II.

Daher laden wir zur großen Tafelrunde ins Foyer des StadtPalais und servieren den Gästen die Leibspeise des Königs und einige spannende Details. Natürlich sind auch König Wilhelm II selbst sowie Königin Charlotte anwesend.

Wer Lust hat auf einen königlich-kulinarischen Abend mit der ein oder anderen Überraschung, ist an diesem Tag im StadtPalais genau richtig.
Eintritt: 18 Euro pro Person (Leibspeise des Königs inklusive).
Die Plätze an der Königstafel sind limitiert, daher bitten wir um verbindliche Anmeldung unter stadtpalais@stuttgart.de

-----

Soviel zum Stand des bürgerlichen Bewusstseins in dieser Stadt. Regression ist da noch milde ausgedrückt. Lustig, um es gleich zu sagen, finde ich das nicht. Es zeigt nicht nur einen Mangel an republikanisch-demokratischen Bewusstsein, sondern auch an historischer Kenntnis.

Einen Bürgerkönig gibt es strukturell so wenig wie einen guten Führer/Diktator usw. Und die staatliche Repression gegen Kriegsgegner im ersten Weltkrieg war hier schlimmer als anderswo. (Sie z.B. T. Bergmann, W. Haible, G. Iwanowa: Friedrich Westmeyer. Von der Sozialdemokratie zu Spartakusbund. Eine politische Biographie. Manifest Verlag 2018; ca. 14 €)

Ich schlage etwas anderes vor, das wir feiern sollten: Wer eine große Badewanne hat, sollte dazu die passenden Freundinnen und Freunde einladen, um an den großen Jean Paul Marat zu erinnern, der wegen seiner Hautkrankheit, die er sich auf der Flucht vor einem dieser Könige zugezogen hatte, nur dort noch Linderung empfing.

Oder wir feiern die wenigen bekannten und vielen unbekannten Revolutionäre, die 1918/19 und früher versuchten, eine demokratische Revolution in diesem Lande zu machen, die, wenn sie geglückt wäre, uns den Faschismus, den II. Weltkrieg und Millionen Tote erspart hätte.

Nieder mit dem König und seinen bürgerlichen Speichelleckern, es lebe die demokratische Republik!

PS: Das oben erwähnte Buch gibt es leider nicht in der hiesigen Stadtbibliothek. Aber das ist eine andere Geschichte.

14:54 21.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare