Lam Gods. (Genter Altar) von Milo Rau.

Kalte Würstchen Premiere in Stuttgart
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Manchmal weiß man nicht, was trostloser ist: Die "Premiere", die keine wirkliche war, aber das spielt heute keine Rolle, oder die Premierenfeier danach. Deren "Glanzpunkt" war ein Paar kalte Würstchen mit noch kälterem Kartoffelsalat. Der Wein erzeugt mitten in der Nacht eine verstopfte Nase (Allergie). Die Dame war klüger und nahm vorsorglich ein Alka-Seltzer. Und ich hatte noch gesagt, das wäre nicht nötig.

Premierenfeier? Wer feiert da was? Für die Schauspieler ist es jetzt vorbei, der enorme Druck ist weg, nun heißt es Entspannung, was bei manchen die nächste Droge bedeutet (Musik). Oder für das Publikum, das nach der Premiere nichts zu diskutieren hat, und die Leere ebenfalls überschallen möchte. (Es fehlte das übliche Premierenpublikum, z.B. der Mann, der so gerne klatscht mit seinem Bling-Bling-Rollstuhl-Auto usw.) Das war nicht der Fall, es gab manches zu diskutieren, was freilich bei immer lauterer Disko-Musik immer schwerer wurde. Welche Altersgruppe wird hier und wie bedient?

Vielleicht passten die kalten Würstchen zum zuvor zelebrierten Humanismus, der Vermenschlichung der Kunst in der Malerei, zuerst der religiösen, und jetzt nochmals auf dem Theater. Eine große Leistung der revolutionären Künstler, die Heiligen zurück auf die Erde zu holen und ihnen menschliche Züge zu verleihen. Siehe der Genter Altar. Natürlich, und wir fürchten hier ein Modell, wäre das auch beim Herrenberger Altar möglich, oder beim... usw. usf. (Freilich ist die radikalere und wirksamerer Kritik der Kirchenaustritt, und da kommen wir, wenn die Prognose stimmt, durchaus voran!) Nur: was wird hier durch was ersetzt? Der provokant bemühte Humanismus des Stücks endet auf zwei Arten: Erstens philosophisch: Irgendwann geht die Erde unter, die Sonne erlischt und alles geht, ohne Gott, - wohin auf immer. Zweitens: Da wollten sich noch zwei ausziehen, und kamen bei der Konkurrenz um die Rolle von Adam und Eva zu kurz. Zwei Arten von Nacktheit sahen wir so: Zuerst Adam und Eva bei dem Versuch, die Menschheit zu erzeugen, und die Kinderschar froh zu stimmen (Aufklärung?), das Ganze nicht wirklich erotisch, und dann, was nackt ja auch bedeutet: Ausgezogen, schwach, wehrlos, schutzlos.

Migranten auszuziehen - was soll uns das sagen? Mein Vorrat an Betroffenheit war spätestens mit der Unterwassergeburt aufgebraucht. Beim Scheren des Schafes, das die Dame entzückte, habe ich mehr auf die Tötung des Schafes im Video dahinter geachtet.- Hier nichts zu den singenden Kindern! Die Geschichte der Mutter des Dschihadisten kannten wir aus einer anderen Inszenierung von Milo Rau, die zwar auch kein "Theater" war, aber doch interessanter.

Übrigens fehlte die grüne Blase im Theater, auch Mitglieder der anderen führenden Parteien konnte ich nicht erkennen. Das spricht nicht für deren Mut. Aber wer erwartet den von SPDCDUGRÜN usw.? Die haben es sich im Feinstaub gemütlich gemacht.

Nun, das alles war nicht wirklich provokant, was Theater aber auch nicht immer sein muss, das war ein Frauenstück, zumindest wenn es Frauen gibt, die Betroffenheit mehr lieben als Männer?

Milo Rau ist interessant; er macht Vieles, auch Spannendes, aber wer Vieles macht, macht manches vielleicht auch nicht wirklich gut. So bleibt nur auf sein nächstes Stück zu hoffen, das dann echtes Theater ist, keine Doku-Fiction, und "philosophisch" nicht mit dem Ende des Sonnensystems endet, sondern wenigstens das Ende dieser elenden Verhältnisse ins Visier nimmt. Oder, der Mann hat seine "Methode" (Masche) gefunden, dann ist vorhersehbar, was kommen wird. Wäre schade.

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Buchtipp: Liedtke, Rüdiker: Die Vertreibung der Stille. Leben mit der akustischen Umweltverschmutzung. München 2004

Darin: "Der Lärm aber ist die impertinenteste aller Unterbrechungen, da er sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja zerbricht! Wo jedoch nichts zu unterbrechen ist, da wird er freilich nicht sonderlich empfunden werden." (Schopenhauer)

Ergänzung am 6.5.:

Besonders nett ist es wieder mit der Stuttgarter Zeitung: Nachdem sie Milo Rau zum wichtigsten Regisseur Europas erklärt hat (StZ vom 3.5.), und dessen "Lamm Gottes" in den höchsten Tönen lobt, steht sie nun nach der Premiere in Stuttgart etwas bedeppert da. Siehe auch die z.T. trefflichen Kritiken bei "Nachtkritik.de" oder hier: http://www.kultura-extra.de/theater/veranstaltung/premierenkritik_LamGods_schauspielS.php

Danach war Schweigen im Walde, keine Kritik nach der Aufführung mehr. Wäre ja nun auch etwas peinlich. Entweder man revidiert sein vorheriges Urteil oder man findet das weiterhin gut, dann macht man sich vor dem Publikum lächerlich. Es ist eben nicht leicht, im Sinne der "Eliten" den Kulturkampf zu führen.

13:19 04.05.2019
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