Luxusprofessur

Dringend gebraucht! Ein Zeitungsbericht
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Kürzlich oder neulich berichtete ich hier einmal mehr von meiner interessanten Lektüre. Es ging um die "gekaufte Forschung", um Wissenschaft in spätkapitalistischer Zeit und ohne, das ist von mir, antikapitalistisches Gegengewicht. Die Freude ist groß, wenn man auf einen halbwegs vernünftigen, bürgerlichen und(!) kritischen Wissenschaftler stößt, was in diesen Zeiten schon ein seltenes Glück ist. (Ob die Freude darüber die eigene Stoßrichtung aufweicht, schon ein delirierendes Mangelsymptom ist, müssen andere beurteilen.)

Nun finde ich einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung: "Luxusprofessor soll in Pforzheim glänzen" (4.12.). - Das ist doch die richtige Überschrift um im lockdown wieder die Stimmung zu heben, Luxus kann ja auch im Amazon-Paket kommen, da gibt es doch auch Wechselwirkungen; die wird aber unser neuer Prof. nicht erforschen.

Gleich zu Beginn startet der Professor mit seinen intellektuellen Zumutungen (Widersprüche), die Voraussetzung sind für so ein Studium: Die Generation der um 2000 Geborenen verlangt nicht nur ein schnödes Luxusprodukt, sie verlangt "soziale Verantwortung"; "Nachhaltigkeit" (für ihren Reichtum? - Dank an die entsprechenden Parteien in Berlin und Stuttgart!) und dass z.B. "Gold nicht durch Ausbeutung gewonnen wurde"! Sie verlangen also ein Wunder, und dafür brauchen wir dringend einen Professor, der die Bereiche Betriebswirtschaft, Design und Technik verbindet. Zusammen ergeben diese Bereiche die Welt, wie sie unser Professor und seine Stifter sehen.

Wie immer wenn ein neuer Studiengang kreiert wird, und da sind die Hochschulen im Kampf um ihre "Kunden" sehr kreativ, wenigstens hier, dient das der Stärkung des Hochschulstandortes. (So verlagert man die Profiteure diese Politik vom Personellen ins unübersichtlich Räumliche.)

Wie man sich denken kann, oder auch nicht, handelt es sich hier um eine Stiftungsprofessur. Wir erfahren leider nur von einem Stifter (Schleichwerbung!). Dort soll es eine "Kaderschmiede" der lokalen Schmuck- und Luxusindustrie geben mit "direktem Zugriff" auf die Absolventen. Das Thema Luxus sei nur wenig erforscht... - Wir wundern uns! Gerne stelle ich die Literaturliste für das erste Semester zusammen!!

Immerhin wird uns in dem Artikel von dem Professor noch mitgeteilt, dass der Luxus eine "soziale Seite" (besser: asoziale!) hätte, gemeint ist die Angeberei mit z.B. Handtaschen. Die neoliberale Verheerung ist hier im Alltag deutlich sichtbar und leider auch die Orientierung vieler Menschen auf sinnlosen bzw. zerstörerischen Konsum.

In drei Jahren soll die Stiftungsprofessur in einer reguläre umgewandelt werden, mit allen Konsequenzen, die man bei Kreiß nachlesen kann. Darüber steht selbstverständlich nichts in dieser "unabhängigen" Zeitung.

Natürlich wird das Ganze noch mit etwas Kitsch sentimentalisch umkleidet, wenn der zukünftige Professor von seinem wertvollsten Besitz, der Uhr seines Großvaters schwärmt.

Uns graut - vor dieser Zeitung, dieser Hochschule und diesem Studiengang.

Ich möchte gerne mit etwas Positivem schließen, und bitte meine sechs Leserinnen für mich zu sammeln, und mir auch eine Stiftungsprofessur einzurichten! Mein Thema wäre: wie kommt die Dummheit in die Welt und was kann man dagegen machen. Im Voraus besten Dank!

PS: Da unser neuer Professor sicher noch Unterstützung braucht, könnte ich mir den einen oder anderen Grünen (oder Sozialdemokraten) dort gut als Lehrkraft vorstellen. Vorschläge nimmt der Schreiber dieser Zeilen gerne entgegen.

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Kreiß, Christian: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Industrie - Irrweg Drittmittelforschung. Europa Verlag Berlin 2015

10:53 07.12.2020
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