Mefistofele (Stuttgart)

Oper mit Glitzerkugel
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Mefistofele von Arrigo Boito

Libretto vom Komponisten nach Goethes Faust I und II. Rev. Fassung von 1875.

Regie Alex Ollé (La Fura dels Baus)

Ich erlaube mir die ketzerische Auffassung, dass Goethes Faust nur noch historisch interessant ist, auch wenn manche Marxisten aus dem zweiten Teil das Ende des Kapitalismus ableiten bzw. vorausgeahnt sehen. Nicht nur, dass sich die Faustsage im Laufe der Zeit geändert hat. (Siehe dazu: Yanis Varoufakis: Time for change: wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre, 2015).

Der andere Grund ist: es gibt keine Bürger mehr, und schon gar keine Bildungsbürger. Anders wäre denn der Applaus am Ende der Oper nicht erklärbar. Die war bezeichnenderweise auch nicht in den Opernführern meiner Dame beschrieben.

Nun kann man wie im populären Film seinen Spaß mit Goethe machen, gerne auch mit dem (früheren) Nationalheiligen Faust, und die Inszenierung war immer nahe an einer Parodie oder auch schon darüber.

Das Stück beginnt in einem Großraumbüro und endet unter diesem. Das ist nett, aber Faust als wissbegieriger Angestellter mit Hang zu Überstunden?

Zeitweise war es unklar, worum es gerade ging, weil den himmlischen Heerscharen (Kinder in weißen Kostümen mit Flügeln usw...) ein Lob gesungen wurde. Schwer zum Aushalten, auch als Parodie kaum.

Natürlich technisch ausgezeichnet gesungen, vor allem Herr Kares als Mefistofeles legt gleich zu beginn so los, dass sich alle anderen als Kinderchor anhörten, ob sie es waren oder nicht. Die Inszenierung ist postmodern, relativ zusammenhanglos, mal Goethe mal Boito oder wer auch immer. Im Verlauf gibt es mehr Goethe; Disko und eine schwache Walpurgisnacht bieten Gelegenheit für modernes Leben auf der Bühne, aber die Walpurgisnacht war dann eher ein Abfallen. (Munition schon bei der Party im Großraumbüro verschossen. Schlimmer geht nicht immer.)

Schräg gegenüber von mir saßen drei BWL- oder Jurastudenten mit Anzug und Krawatte; ich weiß nicht, was schlimmer ist, sie hätten gut auf der Bühne mitspielen können, aber Faustisches ist ihnen nicht zuzutrauen, eher wählen sie Grün und wollen die Welt retten, erreichen aber das Gegenteil (Das ist die Sache mit der Negation bzw. Dialektik.) Oder sie wollen nur Karriere machen und hinterlassen dabei aber nur Elend und Zerstörung.

Was wurde aus Heinrich Manns Untertan? Der ist heute ein Grüner; so dramatisch ändern sich die Zeiten und das Bürgertum. Die Sozialdemokratie kam im Stück nur als Kinderchor vor, den Mefistofele partiell killt. Deren große Brüder schneiden dann aus Rache Mefistofele das Herz aus der Brust, ein bisschen Schauer muss sein, aber dafür hatte dieser ohnehin keine Verwendung.

Lang wurde die Zeit nach der Pause, obwohl ich nun gute Sicht hatte, weil mein Vordermann diese zur Flucht nutzte. (Wenige gingen.) Da ging es dann um Gretchen usw., einschließlich einer ermüdend langen Kerkerszene. Das Bühnenbild schon beeindruckend, hatte aber mit der Geschichte so viel nicht zu tun, d.h. man könnte es für die nächste Oper stehen lassen.

Bei so vielen Mitwirkenden (Chor) erklärt sich der Applaus durchaus auch mit der Familienbande, sowie den sängerischen Leistungen und dem postmodernen Umgang mit diesem schweren Bildungsgut. Dem wenigen klassischen Opernpublikum gefiel das alles nicht so sehr, vielleicht die eine oder andere Szene. Entgegen kam ihnen, dass es meistens so laut war, dass man das Hörgerät ausschalten konnte. Und auch das Mitlesen der Obertitel war keine wirkliche Notwendigkeit / Erhellung, dazu wurde zu viel "Heil..." gesungen.

Was war Grün an dieser Oper: Die Anachronismen, das Tempo, Lautstärke und die Destruktion diskursiv sich erschließenden Sinns, Vernunft sah man hier wenig. Es herrschte ein fröhlicher Leerlauf, eine fingierte Betriebsamkeit, weswegen es lange brauchte, bis sich Faust entschloss zu jenem: "Werd je zum Augenblick ich sagen, verweile doch, du bist so schön, so...". Ich zumindest sagte so was nicht.

Literaturtipp seht im Text!

22:46 16.06.2019
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