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tick tack DD* zu Elvira Seiwert: Enthüllungen
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Elvira Seiwert: Enthüllungen. Zur musikalischen Interpretation im Zeichen ihrer technischen Reproduzierbarkeit, Zu Klampen 2017

Ich habe es bis S. 178 geschafft! Jetzt werde ich der von mir schon bekannten Unsitte - meine treuesten Leserinnen und Leser kennen das schon - nachgeben und über meine "Lektüreerlebnisse" berichten. Es drängt mich einfach, auch wenn das wissenschaftlich natürlich nicht tragbar ist, aber das bin ich ohnehin nicht. Wissenschaft als Institution hat für unsereiner keinen Eintritt mehr. (Selber schuld?!). Ob sie noch für Frau Seiwert offen ist, als Privatdozentin ist das ja so eine Sache? Man und ich wünschen sich, dass sie kurz vor der Rente noch eine richtige Professur bekommt, damit sie ihren Studentinnen noch ordentlich eines auf die Ohren geben kann. (Ich vermeide den Konjunktiv, den braucht man leider nicht mehr, weil es doch anders kommt.)

Freilich, Karrieren, wie sie etwa Michael Gielen geschafft hat, hält etwa die Dame, die ihn noch öfters gehört hat, für (heute und auch damals schon) eher unwahrscheinlich.

Und wer, lieber Leser, hat heute noch das musikalische Gespür, das darin zum Ausdruck kommt:

"Die Gründung des Deutschen Reiches ist an niemanden spurlos vorbei gegangen. Die Gigantomanie schlug sich auch in einer Verbreitung und Erstarrung der Musik nieder. Und Furtwängler ist da einer der letzten Exponenten. Die Leute lägen ihm spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre wieder zu Füßen. Er wäre der höchste Exponent der großen Wende. Daß alle fortschrittlichen, alle aufklärerischen Tendenzen auf der ganzen Welt zurückgedrängt werden; daß alle großen Länder von sehr regressiven, von militärischen, prokapitalistischen, antisozialistischen usw. Regierungen geführt werden, die ja keine Diktaturen, sondern alle von Mehrheiten gewählt worden sind: das ist die ganz große Wende." (Michael Gielen).

Frau Seiwert könnte das hören. Ich leider nicht, lese ich doch lieber über Musik, als sie zu hören. Ein Satz Adornos, der sich mir eingeprägt hat, und sollte er nicht von ihm sein, mit dem ich mich gerne blamiere: Wenn immer heute ein Ton erklingt, kann man sich eines Lächelns nicht erwehren. Das habe ich vor langer Zeit irgendwo gelesen, es kann aber auch gut sein, dass der Satz im Laufe der Jahre von mir "angepasst" wurde. Mit dieser Verwandlung, die auch eine Ausrede ist, bin ich noch nicht fertig: Wann immer heute ein Ton (resp. Geräusch) ertönt, halte ich mir die Ohren zu.

Ich kann nicht beurteilen, ob Kolisch recht hat, und Beethoven zu schnell (ohne Metronom) gespielt wurde und wahrscheinlich wird; kann auch sein, dass ich die Stelle falsch verstanden habe und er wird zu schnell, statt zu langsam gespielt. Wären wir in einer anderen Zeit, ich hätte Frau Seiwerts Sendungen im lokalen Radio, inzwischen ein echter Deppenfunk, höchstens noch gut für Staumeldungen, mit großem Interesse gelauscht; vielleicht hätte ich dann noch etwas mehr musikalische Bildung mitbekommen.

NB: Nun lese ich ein Buch, das aus ihrer Habilitation entstammt. Ich freue mich sehr. (Jetzt kommen Formalia). Das Buch wimmelt von NB und PS. Da gibt es Radiomitschnitte und Kapitel (117-140), da habe ich völlig Halt und Zusammenhang verloren. Ich hatte während meines Studiums und v.a. bei dessen Abschlüssen deutliche Schwierigkeiten, bzw. meine Prüfer, mit dem roten Faden, konnte meine Sicht auf das Knäuel und die versponnenen Wege der Erkenntnis aber nur mit äußerster Mühe plausibel machen. Vielleicht war deshalb irgendwann Schluss, weil an den herrschenden Regeln der Institution Wissenschaft sich schon größere Geister die Zähne ausgebissen haben. (Achtung schiefe Metapher, denn die Zähne behielten sie ja, eher schärften sich diese durch diese Erfahrung.)

Frau Seiwert legt Wert auf Rechtschreibung, das hat sie mit den Bildungsbürgern gemeinsam, und sie dachte dabei sicher: das schlecht Geschriebene ist auch das schlecht Gedachte. (Ich bin kein so großer Komma-Freund wie sie.) Und so habe ich bisher nur einen Tippfehler gefunden. Der ist in einem Zitat versteckt S. 158. Wobei ich bei der Autorin nicht sicher bin, ob sie nicht einen Begriff verwendet oder zitiert, den ich nicht kenne: "Redintegration". Vielleicht eine Integration ins Rote?

Da sind wir bei einem zentralen Problem: Hat der Elfenbeinturm Schießscharten? (Und: worauf bzw. wohin wird geschossen?)

Man kann das Buch als eine Art immanente Kritik klassifizieren, wenn eine Klassifikation denn nützlich wäre, eine Art rappeln im Orchestergraben, von außen bzw. vorn, für geschulte (empfindsame) Ohren hörbar, aber von weiter weg, ist nichts zu sehen, keine rote Fahne weht und zeigt, wo es lang geht, oder auch nur (bzw. kaum): wo was los ist? Der Klassenkampf in der Musik hat hier eine Sublimation erreicht, wo es ähnlich zugeht wie bei den Superreichen, die sind gerne unter sich. (Eine Vermutung, da ich keine kenne.)

Natürlich ist das kein Argument gegen "Wahrheit", die ihre Form hat, wie die autonome Musik, die so autonom natürlich nicht ist. Was natürlich nicht gegen sie spricht, so wie der Mangel an Publikum, das in der Oper verstehend sich amüsiert, ja auch evident ist.

Worum geht es in dem Buch, außer, dass Beethoven zu langsam gespielt wird? Um ein Fragment Adornos über das philosophiert wird. Meistens zurück zu Benjamin, wo die Wege hin und her, vor und zurück gefahren werden, dass einem schwindlig wird.

Ich muss nochmals auf das NB und das PS zurück kommen. Vor allem das NB hat mich schwer beeindruckt. Dass es das in der Wissenschaft geben darf? Nicht nur in den Fußnoten, wo manchmal dasselbe steht wie im Text, aber das ist nichts. NB - für was steht das? Nebenbemerkung - oder bin ich jetzt blamiert?

Kommt man beim Wandern vom Wege ab, tritt also daneben, kann man die schönsten Blumen entdecken. (Sorry für die Metapher!). Wir haben uns in Griechenland im Urlaub mal verlaufen, und einen Varoufakis Anhänger in einem Olivenhain getroffen. Er erklärte uns, was die Griechen an den Deutschen nicht mögen. Und zwar nicht wg. der Zeit vor 1945. Sie können sich das denken! Und zurecht! (Inzwischen ist dort nichts besser, sondern auch dank dt. Hilfe, wieder/noch schlimmer.)

In einem dieser NB geht es um das Verhältnis von Auge und Ohr (Sinne). Da fällt mir ein der Arnold Gehlen, Reaktionär, trotzdem von Adorno geschätzt. Das Auge bekommt im Ensemble der Sinne die Polizistenrolle zugeschrieben, während Musik ja immer in der Zeit stattfindet, sie sich diese selten zwar aber immerhin, diese selbst zum Thema und zur Erfahrung macht.

Wir wissen als Merksatz aus meinem Studium, Raum ist eine reaktionäre, Zeit eine fortschrittliche Kategorie. Eigentlich klar: z.B. Volk ohne Raum versus z.B. Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor usw. usf.

Ich habe das Buch mir gekauft, weil die Autorin in der "jungen Welt" einen interessanten Beitrag geschrieben hat. Ich kann es freilich nicht empfehlen, zumindest nicht meinesgleichen. Vielleicht für Musikstudenten kurz vor der Promotion? Es ist schwer lesbar, was noch nicht schlimm ist, aber es ist als Buch kaum nachvollziehbar. Vielleicht gibt es bald Promotionen und Habilitationen als Multimedia-Dingens, wo man nach dem Text auch noch Ludwig van Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 18, Nr. 6 in der Aufnahme des Léner-Quartetts hören kann, einmal mit und einmal ohne Rauschunterdrückung. Ich warte und hoffe darauf. Wir sind aber immer noch damit beschäftigt, Gustav Mahlers Sinfonien zu hören und sie mit dem, was Jens Malte Fischer in seiner Biographie über sie schreibt, zu vergleichen...

Man wünscht sich, so wie es früher von mir erwartet wurde, dass die Sache auf den Punkt gebracht wird, und ich damals immer kleiner auf meinem Stuhl wurde, weil ich diese(n) nicht fand. Das war eher ein im Nebel stochern oder ein "Tangnibu" (Chin.) - Übersetzung von mir, also Vorsicht: Matsch-Waten-Schritt (im Baguazhang. Muss man nicht wissen!).

Vielleicht ist das so ein Punkt: "Die Idee der musikalischen Reproduktion ist die Kopie eines nicht vorhandenen Originals." (Adorno).

Aber wer meint, nun hätte er etwas zum Zitieren und er könne jetzt die Leselampe löschen, ist sicher auf dem Holzweg. Oder es ist so, dass hier Benjamin und Adorno kurzgeschlossen werden, dass die Funken sprühen. NB Aber wer denkt über deren weiteres Schicksal nach?

Wie soll man zuhören, wenn schon das bloße Zuhören aus der Mode gekommen ist?

Ich hoffe, es findet sich hier jemand, der trefflicher über das Buch urteilen, besser es vorstellen kann, als ich. Ich werde aber auf alle Fälle noch den Rest lesen... Und mich vielleicht wieder melden.

PS: Und wenn ich noch etwas ganz falsch machen darf? Die schönste Stelle findet sich im Buch in einer Fußnote, und wer sie noch nicht kennt, findet dort Kafkas Sirenen.

PPS: Der erwähnte gescheiterte Forschungsauftrag hätte mich interessiert! Wäre doch nett, wenn die einmal jemand sammeln würde, das wäre auch ein schönes Stück Wissenschaftsgeschichte.

* Diesunddas

P²S: Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich das Buch nicht der lokalen Bibliothek zu Anschaffung empfohlen, da sie mir schon zu viele Titel abgelehnt haben. Zuletzt: Schalz, Nicolas: Schrei und Utopie. Wolke (2019). (Man scheitert mit Anträgen, man scheitert mit Vorschlägen...)

Das ist schade, denn vielleicht will es ja mal eine lesen, die ein bisschen heller ist als...

10:28 17.10.2019
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