Nichts Besonderes

In Nürnberg Zuganbindung, Hotel, Theater, Gastronomie und Kino
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Man könnte einen Theaterabend und ein WE in Nürnberg planen und einen geeigneten Nachmittagszug heraussuchen. Ein Hotel ist leicht gefunden und nicht zu teuer in der Nähe des Bahnhofes gelegen: ganz in Ordnung (Hotel Fackelmann.) Es gab Filterkaffee; Musik hörte man nicht, das mag aber auch am lauten Kaffeeautomaten gelegen haben, für die, die so etwas mögen.

Nachmittags noch öfters geschaut, ob es vielleicht eine Verspätung gibt, aber nichts. Da stehen wir nun am gefühlt unwirtlichsten Bahnhof in D. und warten auf den Zug. Ca. 10 Minuten vor Abfahrt des laut Bahn-Online sehr gut gebuchten Zuges wechselt die Anzeige. Wir stehen zwischen zwei Anzeigentafeln und um die kleine Schrift besser sehen und lesen zu können, gehe ich zu einer. Ich sehe: Der Zug fällt aus! Überraschung!! Natürlich kümmert sich niemand um uns, ich schaue nach Folgezügen, aber die fahren eine (Regionalbahn) bzw. ICE 2 Stunden später. Also nicht zu schaffen.

Wir entschließen uns für die umweltunfreundliche Variante, fahren nach Hause, steigen ins Auto und brettern los. Trotz kleinerer Staus schaffen wir es mit dem letzten Klingelzeichen ins Theater. Das Personal dort sehr freundlich, anders als in der Oper. Wir dürfen noch hinein, das Stück hat noch nicht begonnen. Wir sitzen in bzw. vor einer Komödie, alles andere wäre auch nichts (mehr) für meine Nerven gewesen, solche Aufregung lässt einem gerne und dauerhaft die Ohren klingeln. "Herzliches Beileid" von Georges Feydeau. Der Titel trifft es ziemlich genau. Das Beste noch ist der Anfang, eine Frau liegt verhüllt unter Vorhängen und Tüchern, man sieht nur den Kopf. Das Stück beginnt, wenn diese Verhüllungen fort gezogen werden. Der Rest ist mehr oder weniger lustig, eher weniger. Ich wundere mich, dass man solche Plattitüden in einem Staatstheater zeigt, das Stück eignet sich eher für das Fernsehen an irgendeinem verzweifelten Abend. (Und wer dafür Gebühren freiwillig(!) bezahlt, ist selber schuld: Selbstverdummung gehört zur Anpassung, die in dieser Gesellschaft obligatorisch ist.) Und das bei einem Eintrittspreis von > 30, bei mittelguten Plätzen?!

Zwinger - Melber in Lauf (Nähe Nürnberg) am nächsten Tag ist eine Entschädigung. In einem historisch zu nennenden Gebäude eine große Speisekarte, für Stuttgarter traumhafte Preise (Z.B. mein Karpfen gebacken mit Kartoffelsalat und extra Salat vom Buffet für 15,20!) Und alle Essen an unserem Tisch waren ausgezeichnet. Der Wirt freundlich, zuvorkommend, kompetent, besser geht nicht. Also eine Empfehlung!

Schonmal in Nürnberg gingen wir abends ins Kino: The White Crow (Nurejew). Neben mir schlief jemand ein, und versäumte eine der wenigen interessanten Szenen in dem Film, als "Rudi" sich von einem Kellner in einem teuren französischen Lokal als Bauer erkannt glaubt, und seiner Freundin dafür ordentlich Ärger macht. Der Film springt hin und her, ist partiell sehr ermüdend, tanztheoretisch eher oberflächlich und so ein Kalter Krieg Auffrischer. Viel sieht man tänzerisch nicht, aber gerne Pirouetten, nach denen man sich wundert, dass der Tänzer sich nicht in den Boden gebohrt hat. Ein langweiliger Film, von dem ich abrate.

Zurück wieder mit dem Auto, auch kein Vergnügen, am Sonntag Nachmittag.

PS: Immerhin, und das ist das Gute, erstattet die Bahn unsere Fahrkarte!

Meine derzeitige Lektüre, Elvira Seiwert: Enthüllungen. Zur musikalischen Interpretation im Zeichen ihrer technischen Reproduzierbarkeit (2017), habe ich Zuhause gelassen. Das Buch ist zu schwer, als dass man es im Zug hätte lesen können. Und die Schrift ist klein, die Fußnoten noch kleiner. Die sollte man aber mitlesen, denn dann stößt man z.B. mal wieder auf Kafkas Sirenen...

Ich habe in dem Buch einen bemerkenswerten Satz gefunden, den ich gerne aus seinem Zusammenhang reißen möchte, um ihn hier und nur so wirken zu lassen:
"Ein 'Ende' also ist, bei dialektischer Betrachtung der Dinge, so schnell nicht in Sicht."

Ich bin mir nicht sicher, ob da nicht ein gewisser Trost oder besser: Hoffnung liegt?
(Es gibt freilich darin noch viel mehr interessante Sätze, Gedanken etc.!)

10:28 14.10.2019
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