Noam Chomsky - meine Entdeckung

Intellektuelle Geschichte und Erfahrung
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Auch im fortgeschrittenen Alter gibt es immer wieder spannende Autoren zu entdecken. Umgekehrt kann man natürlich auch fragen, wie konnte man diese bisher übersehen?! Übersehen ist nicht ganz richtig, der Name war mir schon ein Begriff, aber ich hatte eben noch nichts von ihm gelesen: Noam Chomsky. Ich hoffe, meine 5 LeserInnen, die fünfte, Frau Sillenbuch sei willkommen!, dass ich Sie damit langweile, denn das heißt, Sie kennen seine Bücher und sonstigen Beiträge schon!

Zuerst habe ich "Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht" (2017) gelesen.

Schaue ich meine Exzerpte an, so habe ich dort nur notiert, was ich auch schon dachte. Es freut einen doch, wenn man eine ähnliche Ansicht findet, da man im normalen Leben damit ja eher alleine dasteht.

Auch Chomsky hält nicht viel von dem alle 4 Jahre stattfindenden Wahlspektakel, das nicht mehr als 10 Minuten Aufmerksamkeit für ein (schnelles) Kreuzchen verdient. Schnell auch deswegen, das ist nun von mir, um nicht auf dieses Spektakel hereinzufallen, es mit Demokratie(!) zu verwechseln, und wahlweise bei unserer "Auswahl" zu verzweifeln oder mal wieder Hoffnung auf irgendein kleineres Übel zu verschwenden.

Wichtig ist, was die 4 Jahren dazwischen unternommen wurde, egal ob bei der Arbeit, im Stadtteil, einer Bewegung für etwas Sinnvolles usw. usf. Oder auch nur, ich bin da sehr bescheiden, versucht wurde, der allgegenwärtigen Verdummung zu entgehen.

Dann habe ich "Hegemonie oder Untergang. Amerikas Streben nach Weltherrschaft" (2017) gelesen. Wie jeder halbwegs historisch gebildete oder auch nur vernünftige Mensch war ich gegen den Kosovo-Krieg, freilich aus sehr naheliegenden Gründen (Traue keinem Sozialdemokraten an der Regierung); das war der Versuch (und der Auftrag an) der deutschen Regierung ihren Imperialismus auch militärisch zu erproben. Dank Rot-Grün wurde die Probe bestanden, d.h. die Bevölkerung erfolgreich für dumm verkauft, und "die" (Medien-)Intellektuellen zur Akklamation gebracht.

Was ich in meiner damaligen Argumentation, die ihrer Zeit voraus war, weil (ich wechsle zum wir) wir damals den Begriff Imperialismus verwendeten, der für einige Linke nicht nachvollziehbar war. Das hat sich nun geändert. Aber zurück zu Chomsky: Was in der gleichen Zeit in Ost-Timor, einschließlich Vorgeschichte (1975-99) geschah, war außerhalb meiner Wahrnehmung. Dabei hätte man doch so gut an diesen zwei Beispielen die Lüge von der humanitären Intervention und Nicht-Intervention entlarven können.

Chomsky schreibt, wenn man an Adorno gewöhnt ist, mit seltener Klarheit, und einer bestechenden Logik, der man sich nicht entziehen kann.

Dann kam "Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen. Zentrale Schriften zur Politik" (2008) an die Reihe, da ich mehr von dem Autor lesen wollte.

Das Buch möchte ich nun besonders empfehlen! Mit 462 S. schon ein dicker Wäscher, eine Sammlung seiner Aufsätze zu verschiedenen Themen: Durchgehen die Frage nach dem Verhalten der Intellektuellen, spezieller zu Anarchismus, internationalen Beziehungen, das besondere Verhältnis USA - Israel (sehr erhellend), zur US-Strategie, die er "Grand Strategy" nennt. Natürlich geht es auch um Vietnam, die ältesten Aufsätze sind aus den 60er Jahren, ein Lehrstück, das leider vergessen wurde, weil sich, was dort versucht wurde, immer wieder wiederholt hat, wenngleich mit neuen, aber nicht weniger grausamen Methoden - z.B. in Lateinamerika.

Und wo liest man solch klare und bestechende Urteile über einen unserer (früheren) US-Medienlieblinge: ""Liberale politische Kommentatoren seufzen vor Erleichterung auf, dass Kissingers Weste fast fleckenlos geblieben ist - ein bisschen fragwürdige Abhörerei, aber keine Verwicklung in die Streiche von Watergate. Dabei ist dieser Mann bei objektiver Betrachtung einer der größten Massenmörder der Neuzeit. Er verantwortet die Expansion des Krieges in Kambodscha, mit allen inzwischen wohlbekannten Konsequenzen, und die verwerfliche Eskalation der Bombenangriffe auf ländliche Gebiete in Laos, ganz zu schweigen von den Gräueltaten in Vietnam, und das, weil er der imperialistischen Macht auf irgendeine Weise zum Sieg in Indochina verhelfen will." (1973)

Die Themen sind zu vielfältig, um sie alle erwähnen zu können. Was mich vor allem besticht, ich muss das wiederholen, ist die Klarheit, Logik und Konsequenz der Argumentation, die die Lügen der herrschenden Elite(n) bzw. Klasse und ihrer Lautsprecher in Medien und Universitäten als das zeigen, was sie eben sind: Dummheit für das Volk, das, wenn sie diese glaubt, verloren ist.

Deshalb, das ist das Wenigste, sollte man diese und ähnliche Bücher lesen und studieren, damit sie einen nicht ganz so leicht heute und beim nächsten Krieg hinters Licht führen können. Die Vorbereitungen dazu laufen ja schon, wie wir den Medien entnehmen können.

11:50 30.07.2019
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