Oper, Publikum, Kultur

Fortsetzung der Rezi Wiener Staatsoper und Radau im Promenadenkonzert
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Im zweiten Kapitel des Buches geht es um "Gesellschaftliche Umbrüche und soziale Transformationen". Das sind große Ereignisse, in die wir viel oder wenig packen können. In unserem Falle eher weniger. Er besteht wieder aus zwei Beiträgen. Der erste handelt vom Wiederaufbau der Wiener Staatsoper in den Jahren 1945-55; ein detailreicher und interessanter Beitrag, wo man schon ein bisschen was Neues erfährt.

Der Titel des Buches, wenn wir schon bei vielversprechenden Titeln sind, erinnert an die Hybris des Autors dieser Zeilen (an mich!), der ich meine Magisterarbeit in Literatursoziologie mit dem schönen Titel: Literatur und Gesellschaft versehen wollte. Bei älteren Semestern klingelt es da in den Ohren. Zumindest musste ich mich mit meinen Prüfern darauf einigen, dass da noch ein erklärender Untertitel dazu muss. Die Arbeit hatte drei verschiedene literatursoziologische Theorien zum Inhalt, aber das ist Schnee von gestern. (Dass dieser "Schnee" schmalz, schmilzte oder schmolz [das richtige bitte unterstreichen] lag nicht an der Klimakatastrophe.)

Literatursoziologie habe ich seither nicht/kaum mehr/noch entdeckt. Statt dessen haben wir heute jede Menge Mediensoziologie oder -Theorie oder irgendwas mit Medien. (Ist bei jungen Leute ja ein beliebtes Studienfach...)

Der zweite Beitrag im vorliegenden Kapitel dreht sich nun um "Emotionen und Konfrontationen. Saalschlachten in Oper und Konzert in Großbritannien des 19. Jahrhunderts". Das klingt vielversprechender als es dann sein wird. Immerhin gibt es ein paar nette Geschichten dazu.

"Saalschlachten sind gute Fallbeispiele für die Gruppen bildende Wirkung emotionaler Praktiken. Nicht nur die geteilten Präferenzen in Fragen des Geschmacks, auch die physische und psychische Teilnahme an Saalschlachten verbanden Bekannte und Fremde zu Gruppen. Mochten die Opern- und Konzertbesucher sich auch streiten und schlagen - genau diese gemeinsamen Handlungen und Gefühle konnten sie voneinander erwarten." Das ist nicht leicht zu verstehen, deshalb kommt rasch die klärende Frage: "Dienten die Ausschreitungen primär der persönlichen Unterhaltung oder zielten sie auf die Bestätigung oder die Gefährdung der politischen und sozialen Ordnung?" Huuuu!

Man kann nun verschiedenes unterscheiden: Der Kampf der Logen gegen das Parterre bzw. die "billigen" Plätze, d.h. Aristokratie gegen das Bürgertum. Das war im 19. Jahrhundert, bevor, mit einer ruhmreichen Ausnahme, die Bürger den Aristokraten in den Hintern gekrochen sind, am widerlichsten in D., wo es heute noch freche Hohenzollern gibt, die immer noch und wieder Geld von ihren Untertanen wollen. Keine Guillotine sorgte hier für kurze Momente der Gerechtigkeit, keine Fürstenenteignung schaffte uns diese Blase (endgültig) vom Hals, statt dessen lebt ein bunter Blätterwald von den reaktionären Sehnsüchten verdummten Volkes.

Doch zurück zum Thema bei dem es zwar keine Klassenanalyse gibt, Theorie ist (bisher) nicht die Stärke dieser Autoren, aber so ganz ohne geht es nicht. V.a. ist interessant die Herausbildung eines gemeinsamen schlägernden "Pöbels" bei den "Promenadenkonzerten" in der ersten Hälfte den 19 Jh., wo, wenn man nicht die britische Nationalhymne mitsang, es dafür Schläge geben konnte. Kommt einem hier irgendetwas bekannt vor? Entstand hier jene Musik zu der später (im Geiste) marschiert wurde? Unser Autor hat für den Kern dieser Problematik eine Art black-box parat:

"Die gemeinsame Begeisterung für eine bestimmte Musik vermochte soziale, politische und kulturelle Differenzen zu überbrücken, wenn der Kontext stimmte - in diesem Fall die Promenadenkonzerte. Dabei ließ sich auch die herkömmliche Trennung von E- und U-Musik relativieren, das heißt, die strikte Unterscheidung von Erbauung einerseits und Amüsement andererseits entspricht sozialen Codierungen, die sich in der gefühlten Gemeinschaft eines Musikpublikums gegebenenfalls auflösen."

Kleiner Test: Welches Wort steht hier anstelle eines Begriffs? Gewonnen: Codierung!

Da haben wir dann die Chose, die unser Autor durchaus trefflich beschreibend so ausgedrückt:

"Was die Besucher aber regelmäßig in Ekstase versetzte, das waren Julliens [Dirigent und Komponist] musikalische Inszenierungen der politischen Interessen der Mehrheit im Saal. Denn Julliens Konzerte idealisierten die britische Nation. (...) Die Menge war zur kollektiven Selbstbegeisterung über ihre politische Ordnung erschienen, und Jullien lieferte die Musik".

Unlängst fuhr ich Bus in Stuttgart. Da saßen dann zwei nicht mehr ganz junge Paare darin, ich war schon drin, die trugen Trachten und Lederhosen. Das war mir völlig unverständlich, da es weder Frühlingsfest noch Volksfest-Zeit war? Nun, dachte ich, so eine Lederhose ist auch nicht billig und vielleicht wollten die Leute ihre "Anzüge" auftragen, so wie unsereiner früher seines großen Bruders Hosen auftragen durfte. Nun auch ich "verkleide" mich mitunter gerne, ich gestehe es. So packt mich manchmal der neue (sub-)proletarische Habitus und, ich habe auch eine Turnhose, dann ziehe ich die nicht nur zum Turnen an oder Zuhause, sondern gehe damit zum REWE einkaufen. Selten fühle ich mich dann in meinem Viertel integrierter. - Nun, wer mehr von populärer Musik versteht, kann erraten, wo die Leute hin fuhren. (Schauder!)

Doch zurück zum Thema: unser Autor weiß dank (neuester?) neurologischer Untersuchung, dass Musik außer Muskeln, auch Herz, Atmung und gar den Blutdruck beeinflussen kann! Das bringt ihn zu folgender gewagter These: "Wie sehr das bildungsbürgerliche Publikum des 19. Jahrhunderts auch von der 'transzendenten' und 'geistigen' Wirkung der Musik schwärmte, wahrscheinlich ist sie zuerst einmal die körperlichste Kunstform."

Das halte ich für Unsinn! Und seht natürlich in Gegensatz zu dem, was andere Autoren über deren Sinn-lichkeit geschrieben habe. Das muss unser Autor geahnt haben, dass man das so nicht stehen lassen darf, deshalb wird anschließend noch etwas differenziert: nach Publikum, Musik usw. Es kommt mir so vor, dass nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist - die Wahrheit ist, es wurde hineingeworfen -, diskutiert man anschießend die Wassertemperatur, den möglichen Auftrieb, für Freunde der Malerei: Farbenspiel und Lichteinfall usw.

Fast zum Schluss kommt noch das moderne Proletariat ins Spiel: "Arbeitskampf statt Amüsement". Die Arbeiter in der Oper streikten! Das ist aber nur 2 Seiten lang, trotzdem ganz nett, zumal wir davon gehört haben, dass es das in meiner kurzen Lebenszeit auch schon gegeben hat. Leider zu selten! Aber das ist ein anderes Thema.

Wäre ich nun ein moderner Wissenschaftler und würde, was mir meine Lehrer empfohlen haben, am Ende des Kapitels einen Ausblick auf das nächste geben, dann könnte ich etwas über kulturelle und soziale Rahmenbindungen schreiben, aber ich rechne nicht mit solch blöden Leserinnen, die einen "Cliffhanger" brauchen, um beim Thema zu bleiben. Ich wollte mich da lieber überraschen lassen, und dass alles mit allem irgendwie zusammen hängt, das wussten wir ja schon! Vielleicht aber, weil man aber auch mit allem rechnen muss, interessiert das hier überhaupt und gar keinen?!

11:15 11.08.2019
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