Oper, Publikum und Gesellschaft

Politik(er)beratung Rezi Teil 1. Die ersten beiden Aufsätze
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Herr Bermbach kommt von der politischen Wissenschaft, weswegen seine despektierlichen Aussagen über unsere heutige politische Klasse vermutlich auch auf eigenen Erfahrungen beruhen.

("dass wir es heute zumeist mit einer politischen Klasse zu tun haben, deren kulturelle Kompetenz aufgrund ihrer mangelhaften Bildungsbreite immer geringer wird..." oder "Die generell nachlassende Qualität des politischen Personals". Ich stimme dem zu, obgleich ich glaube, dass es früher nicht besser war, oder geht es etwa um Karl Liebknecht im Reichstag oder Friedrich Westmeyer im württembergischen Landtag?)

Als Konservativer schreibt er immer interessant und halbwegs vernünftig, wenn er hart am Thema (Operngeschichte) bleibt und ihm seine Verachtung der Ungebildeten nicht die Feder führt. Kulturfernen Politikern etwa empfiehlt er (Politikberatung!) Oper als repräsentative Inszenierung zu verstehen und auszunutzen; wem fiele da nicht sofort Bayreuth ein! Aber auch in der Stuttgarter Oper wird das gelegentlich versucht. Und nicht nur da...

Freilich muss man das krause Zeug, das er gleich zu Beginn loslässt, sozusagen als Erkennungsmarke des Politologen, erste einmal hinter sich lassen können, bevor es manchmal interessant wird:

"Das 20. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Unübersichtlichkeit, gegenläufiger und zugleich auch paralleler Tendenzen, der Rückwendung zur Tradition ebenso wie der ausschließlichen Zuwendung zu einer zu imganierenden (sic) Zukunft in den großen totalitären Bewegungen der Zeit, den Faschismus, dem Nationalsozialismus und schließlich dem Staatssozialismus. Diese Unübersichtlichkeit prägt die Politik mit ihren großen ideologischen Strömungen des Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus sowie den links- und rechtsradikalen Positionen und den daraus resultierenden diktatorischen Systemen ebenso wie die Opernproduktion, die ihrerseits den Rückgriff auf die klassisch-romantischen Traditionen kennt wie die Entwicklung zur Atonalität und die verschiedensten, sich aus unterschiedlichen Möglichkeiten bedienenden Kompositionsstile."

Also vor und zurück, kleine und große Schritte nach links und rechts, und fertig ist der Konformitätstanz. Für höhere Semester gibt es auch noch die Schritte quer zum Fortschritt oder Rückschritt, von den Pirouetten ganz zu schweigen.

Das Auf-der-Stelle bleiben, wo es ihm wohl zu gefallen scheint, wird an solchen Stellen besonders deutlich: "So wichtig die Einsicht ist, dass es beim Hergebrachten des konventionellen Repertoires allein nicht bleiben kann, weil nur das Neue, das Unerhörte Gegenwart und Zukunft sensibilisiert, so richtig ist sicherlich auch, dass es in der Oper Abende geben muss, in denen die pure Entspannung, die Freude über musikalische und szenische Perfektion ebenso legitim sind wie der Verzicht auf alles hintergründige Problematisieren."

Er kennt zwar gut die Geschichte, aber nicht die Entwicklung in einem bestimmten Sinne, weswegen es gleich zu Beginn einen Fußtritt - ohne Namensnennung - gegen Bloch und dessen Ungleichzeitigkeit gibt. Auch der Wissenschaftler braucht Platz, um sich zu bewegen. Aber wen umtanzt er da eigentlich? Er ist an seinen Invektiven gegen den Werkbegriff erkennbar: Adorno, der ein seltsames Leben als Untoter unter uns führt.

Es gibt aber doch schöne Sätze, wo man sich freilich wundert:

"In einer solchen Vielfalt der Aufführungsstile spiegelt sich die Vielfalt des Gesellschaft und ihrer potenziellen Bedürfnisse wieder (sic)." Lassen wir das mit dem Lektorat in diesem Buch, der Springer Verlag muss auch sparen, aber echt Konservativen graut schon ein bisschen.

Eine schöne Gesellschaft! Wir sind uns nicht sicher, ob der Mann glaubt, was er da schreibt, oder ob er sich die Bäume anschaut, die ihm den Wald geben.

Übrigens ist der erst Beitrag in diesem Band, in dem die Soziologen, die es noch zu geben scheint, in der Minderheit sind, dem wichtigen Thema gewidmet, ob die Oper zur Regionalentwicklung beiträgt? Das dürfte auch unter Politikberatung fallen. Die Statistik darin, ich nenne sie pseudoobjektiv, verstehe ich nicht mehr, den Argumenten ist schwer zu folgen, auch wenn das positive Ergebnis: ja schon, deutlich - auch uns freut, da wir ja die Oper nicht wegsparen möchten, sondern eine andere Gesellschaft. Auch hier gibt es ab und zu einen interessanten Hinweis, wenn auch nicht neu, doch immer wieder lesenswert, über die Gründe der Opernvielfalt in Deutschland. Deren Gründer in der Barockzeit, schäbige Fürsten und Adelige, die das Volk ausplünderten, um selber im schönen und schön teuren Schein zu schwelgen. Welche Dialektik. Und heute, ich muss nochmals auf Professor B. zurück kommen, stehen unsere arme Politiker so unter Druck: "nur solche Entscheidungen zu treffen, die für die Mehrheit der Bevölkerung von Vorteil sind". Da hat wohl jemand die letzten Jahre seit Schröder in der Oper verschlafen?!

Genug, ich will hier nicht zu viel Platz wegnehmen. Ich werde auf das Buch vielleicht zurück kommen.

Wenn es aber so weiter geht, muss ich mich in meiner Bibliothek entschuldigen. Ich hatte das Buch zur Anschaffung empfohlen.

Reuband, Karl-Heinz (Hrsg.): Oper, Publikum und Gesellschaft. Wiesbaden 2018

09:31 10.08.2019
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