Oper, Publikum und Gesellschaft

Teil 3 (Rezi) Geschmackskombinationen
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Reuband, Karl-Heinz (Hrsg.): Oper, Publikum und Gesellschaft. Wiesbaden 2018

Im dritten Kapitel mit der Überschrift "Kulturelle und soziale Rahmenbedingungen" sollte man auf viel Statistik gefasst sein, die den wenigsten verständlich sein dürfte. Immerhin kann man lesen, was die Autorinnen untersuchen, und, wenn sie es zusammen fassen, was dabei an Interessantem oder auch nicht herausgekommen ist. Wieder zwei Aufsätze.

Der erste mit dem ansprechenden Ober-Titel: Bizet, Bach und Beyoncé. Unklar, warum sie diese Buchstabenkombination (Alliteration) gewählt haben, kommt wohl, wie manches andere, von der Werbung her. Erinnert sich noch jemand an "Wir Wollen Wulle..."? Nun ja, es geht um "Hochkulturelle Musik in grenzüberschreitenden Geschmackskombinationen".

Der erste Satz beginnt ganz vielversprechend mit Pierre Bourdieu und der veralteten Auffassung, dass sozial höher gestellte Personen ausschließlich höhere Kunstformen (Oper etc.) "konsumieren". Also wie ist das heute? Gute Frage, habe ich doch Freunde, die öfters in der Oper sind als ich beim REWE bin (Achtung Produktplazierung!) und die dann aber bei diesem europäischen Schlagerwettbewerb die ganze Nacht vor der Glotze hocken. Es gibt Vieles, was ich nicht verstehe, das nun schon gar nicht.

In der Forschung liest sich das so: "Welche Kombinationen hochkulturellen Musikgeschmacks mit anderen musikalischen Präferenzen treten in Deutschland auf und finden sich in verschiedenen Kombinationen auch unterschiedlich starke Assoziationen mit der sozialen Position? Zur Beantwortung der Fragen wird eingangs das Konzept der Omnivorizität (...) herangezogen, welches anschließend konzeptionell erweitert und schließlich mithilfe aktueller Daten überprüft wird."

Nun kommt die gute Frage, liebe Leserin! Wissen Sie was Omnivorizität ist? Das trifft mich nicht, da ich z.B. keinen Spargel mag oder auch Wirsing gehört nicht zu meiner Leibspeise. Schlimm, und beim Spargel musste ich mir schon viel anhören, aber mir steht die Schwarzwurzel politisch einfach näher. Der "Omnivorizi" ist nun einer, der alles frisst. Der wurde von einem findigen Soziologen in den USA in der Oberschicht entdeckt, und erinnerte mich an einen früheren Chef einer Fachhochschule, der auch wirklich zu allem seinen Senf abgeben konnte. Der O. konsumiert nun alles, der ist vielleicht das personifizierte Kapital, das alles verschlingt, um es als Ware wieder auszuscheiden.

Doch zurück zum Thema! Also die Oberschicht konsumiert alles, während der Unterschicht nur der kulturelle Döner bleibt, und die finden das auch noch in Ordnung so!

Was Sie nun in dem Text erwartet, erinnert etwas an ein Bewerbungsschreiben z.B. für die Risikobewertungsabteilung einer Bank oder Versicherung. Sollten Sie ein paar Buntstifte haben, empfehle ich eine spielerische Annäherung ans Thema, indem Sie S. 125 kopieren und Abb 1. "Alltagsästhetisches Schemata und soziale Milieus" entsprechend ausmalen. (Außer, wovon ich abrate, Sie haben das Buch gekauft.)

Es kommt heraus: "Das wohl auffälligste Ergebnis ist das Fehlen einer Klasse mit ausschließlich hochkultureller Konsumpräferenz. Ein derartiger Niveau-Univore lässt sich im Rahmen einer sinnvollen Anzahl an Klassen nicht identifizieren." Der Niveau-Univore entspricht meinem Anti-Omnivorizi - mehr oder weniger.

Das heißt nun das, was zu befürchten war, und ich schon oft geschrieben habe, dass die Bürger keine mehr sind, sondern heimlich oder auch nicht Helene Fischer o.ä. hören. Was sie nun genau hören, erklärt die Marktforschung.

Also: "Bei all den offenen Fragen, bleibt als das zentrale Ergebnis dieses Beitrags die Erkenntnis, dass eine Präferenz für Opern und andere Formen der Kunstmusik mit jedem anderen spannungsgeladenen oder auch trivialen Geschmack kombiniert wird."

Zum Schluss wird es auch hier dann nochmals lustig! Die Autorinnen des Beitrags fühlen wohl, dass bei all ihrer Feldforschung etwas zu kurz kam: die Musik! Und die Hoffnung, dass Oper und Kunstmusik nicht vom Aussterben bedroht sind! (Ob sie schon ausgestorben sind, wird nicht gefragt!) Und zwar, wenn sie mit trivialem Geschmack kombiniert werden also Kunst und Pop:
"Ein prominentes aktuelles Beispiel dafür ist der Song 'Alles Neu' des Reggae- und Hip-Hop-Musikers Peter Fox, der sich ab der Veröffentlichung im August 2008 fast ein Jahr lang in den deutschen Charts hielt. Das Hauptthema des Songs ist ein Satz aus der 7. Sinfonie von Dimitri Dimitrijewitsch Schostakowitsch. Wenngleich das klassische Stück in derartigen Arrangement natürlich nur sehr eingeschränkt zur Geltung kommt, vermag die Fusion zumindest Motive klassischer Werke auch jüngeren Generationen nahezubringen."

Ausgezeichnet: Da fällt mir doch auch dieser Vietnam-Film ein, wo zu Wagner die Vietnamesen massakriert werden. Ist das nicht ein guter Einstieg in Wagners Ring? Damit nicht genug:

Ich empfehle ein Blick auf z.B. folgende Seite, in der durch Werbung neue Freunde für die ernste Musik gewonnen wurde:
https://bachtrack.com/de_DE/playlist-klassik-in-der-werbung-november-2014

Es graut mir und schüttelt mich so sehr, dass ich hier Schluss machen muss, obwohl doch der nächste Text vom Herausgeber stammt, der gleich mal seinen Rang in der ersten Fußnote klarmacht.

Als Literatur empfehle ich:

Schimmelbusch: Hochdeutschland (Roman)

Und was die Kunst angeht ein älteres Buch:

Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München 1983

18:41 12.08.2019
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