Restaurante Via Graca, Lissabon

Restaurantkritik und mehr
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Unser erster Abend in Lissabon. Da das Flugzeug Verspätung hatte, baten wir den Hotelmanager für uns ein Lokal zu suchen und zu reservieren; das wird in Lissabon empfohlen, zumal gerade dieser Singsang-Wettbewerb hier stattfindet und 2 riesige Kreuzfahrtschiffe (z.B. Mein Schiff 6) die Stadt mit Touristen überfluten, obwohl die wahrscheinlich auf ihrem Schiff das All-Inklusive ausnutzen.

Das Lokal erstreckt sich über 2 Stockwerke, wir bekamen einen Platz im unteren, trotzdem mit großartiger Aussicht auf diese sehr hügelige Stadt, dagegen ist Stuttgart fast Flachland.

Wir werden gefragt, ob wir die Vorspeise, Brot mit verschiedenem Butter und ein Glas Sekt, wollen oder nicht? Die Reiseführer warnen, dass man das alles bezahlen muss, aber für 5 € ist das in Ordnung. Danach gibt es für mich grüne Tagliatelle, d.h. in einer grünen Soße für 20 €, die Damen hat Fisch, auch nicht billiger. Dafür gibt es günstigen Wein. Nicht den, den wir ausgesucht haben, den gab es nicht mehr, aber einen ähnlichen (Preisklasse!), der freilich anders schmeckt als erwartet, aber auch gut. Die Flasche steht etwas abseits, der Kellner übernimmt, wie in guten Lokalen meistens üblich, das Nachschenken. Er scheint aber nicht mit braven Deutschen (Leuten wie uns) gerechnet zu haben, denn er kommt nicht nach, was die Dame ungeduldig werden lässt. Also stehe ich auf, will zur Flasche, der Ober sieht mich... Ich entschuldige mich für meine Ungeduld, aber die Deutschen würden schnell und viel trinken. Er will freilich auf keinen Fall zulassen, dass ich ihm die Arbeit abnehme, der Rest des Abends wird schneller nachgeschenkt, als wir trinken können.

Hier bitte überspringen, es kommt das leidige Thema: Toilette. Die ist einen Stock höher, ich finde sie leicht, es prangert ein WC neben der Tür. Eine Frau kommt heraus, ich denke mir nichts dabei und gehe hinein. Kein Urinal, aber das will nichts heißen. Alles geht gut; später, als ich hier nochmals vorbei komme, weist mich die Dame, der ich erzählt habe, dass es hier nur eine Toilette für alle in dem großen Lokal gibt, darauf hin, dass ich das Kleingedruckte übersehen hätte.

Ich gehöre nicht zu denen, auch wenn ich kein Vertrauen habe, die gerne das Kleingedruckte lesen. Deutlich unterhalb dem „WC“ stand in mehreren Sprachen das Wort für Frauen… Gegenüber, das hatte ich übersehen, gab es tatsächlich noch eine Kabine(!) für Männer, macht übrigens zusammen zwei. Etwas peinlich! (Vielleicht psychologisch?!) Tatsächlich bin ich aber auch hier meiner Zeit voraus, denn einen Tag später waren wir in einem Lokal, das tatsächlich eine Toilette (Kabine) für beide Geschlechter bereit hält. Was das dritte und vierte macht, war hier nicht zu erkennen. Aber: Es gab noch eines, wie ich später entdeckte, ein separates Örtchen nur für Frauen. Ich bin überrascht, wie fortschrittlich die Lissabonner sind!

Der Nachtisch war für mich eine Schokoladenmousse: keine Experimente mehr! Die schmeckte auch nicht schlecht, sehr gehaltvoll, aber über der waren so Streusel gestreut, die sofort alle Lücken im Gebiss mehr als ausfüllten, und also die Zahnreihenharmonie (oben und unten) aus dem Gleichgewicht brachten. Das ließ sich erst wirklich Zuhause, im Hotel, beheben.

Das Restaurant ist aber auf alle Fälle zu empfehlen.

In unserem Hotel sind sie freilich mit dem Personal sparsamer, das Frühstück wird aufs Zimmer gebracht. Dieses ist schön groß und enthält sogar eine kleine Küche. Dort steht eine dieser nur in der Müllproduktion nachhaltigen Nespresso-Maschinen. Also morgens darf man sich Kaffee und Tee selber machen, der Rest, Brot, Obst etc. wird auf einem Tablett gebracht. Ich bin nun nicht sicher, ob das mein Wunschprogramm ist. Ich bin also wieder beim Automatenkaffee gelandet, aber mit Selbstbedienung.

Noch etwas: Äußerste Vorsicht ist beim Gebrauch der öffentlichen Nahverkehrsmittel angebracht. Eine volle Straßenbahn - ich sah in dem Gedränge keine Möglichkeit sie zu stoppen. Statt bei der Nationalgalerie mit Hieronymus Bosch kamen wir in einem anderen Stadtteil zum halten; eine dieser Qualen, die der Maler noch nicht dargestellt hat: der öffentliche Personennahverkehr.

Ich habe eine Theorie, was den öffentlichen Dienst ganz allgemein angeht, ich könnte aus meinem Leben und anderer auch viele Beispiele bringen. Der öffentlichen Dienst und sein Führungspersonal darf einfach nicht gut sein, denn das würde doch ein schlechtes Licht auf die fortdauernden Privatisierungsbemühungen unserer Staats“Diener“ werfen. So darf jeder Depp, und meistens zurecht, über z.B. Bahn und andere Dienste wettern, und das mit dem Privatisierungsargument; obwohl das erfreulicherweise sehr am zerbröseln durch entsprechende Erfahrungen (Post, Telefon) ist.

Nun, ich hoffe, und nun soll es genug sein, es wartet ein Fado-Musik-Abend, dass irgend jemand auf die Idee kommt, das Mietproblem durch Verstaatlichung von Grund und Boden oder dieser Mietwucher-Gesellschaften anzugehen. Oder war dieser ganze Marx-Hype für die Katz‘?!

Doch es gibt auch hier ganz erfreuliches! Ein Besuch in einer anderen Zeit: Das Portwein-Institut.

20:12 13.05.2018
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