Sintra, Portugal

Hotel Ein historischer Palast, den jetzt eine Hotelkette betreibt. (5 Sterne)
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So, jetzt bin ich auch einmal in einem Fünf-Sterne-Hotel. Das gehörte einst einem holländischen Kaufmann, der ordentlich Kohle gemacht haben muss; tolle Lage, Ausblick und so.

Der Check-In, eine Rezeption in dem Sinne gibt es hier nicht, fand an einem Tisch mit bequemen Sesseln bzw. Stühlen statt, dazu gibt es ein historisch maurisches Gebäck, das nicht ganz so verlockend aussieht, und eine Limo aus lokalen Zitronen, die erfrischend wirkt, auch wenn sie leider keinen Alkohol enthielt.

Das Wlan wird, wenn man bedenkt, dass es in dieser Anlage doch kaum Touristen und schon gar keine schnorrenden Jugendliche gibt, streng bewacht, nur mit Hilfe des sehr aufgeweckten Angestellten gelang es mir, mein Smartphone anzudocken. Zur Empfangszeremonie gehörte auch, dass der Hotelmanager uns sehr nahelegte, in seinen Hotel-“Club“ einzutreten, wo weltweit großartige Hotels, auch ein deutsches, zusammengeschlossen sind. Man bekommt dann auch alle 2 Wochen spannende Angebote und vieles günstiger. Irgendwie ein Widerspruch, was soll man in dieser Preisklasse noch sparen? Die Dame verzichtete dankend, ich hielt mich nur mit Mühe zurück, sonst hätte ich gesagt, ich bin schon ein Member und zwar in einer trade union, die mich aber auch nicht glücklich macht.

Das Zimmer ist nicht so groß, wenig Ablagefläche, und die ist mit allem möglichen voll gestellt. Der Schreibtisch steht in der finstersten Ecke und im Wlan-freien Raum, daraus schließe ich, hier arbeitet niemand, zumindest nicht am Schreibtisch. Dessen früherer Platz nimmt nun, wie ich vermute, ein riesiger Fernsehflachbildschirm (Flachware!) ein – grässlich!

Handtücher gibt es mehr als genug, kein grünes Schild (Auf dem Boden heißt: neue usw.) stört hier die Verschwendung. Das Gebäude gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, das merkt man an dem abbröckelnden Scharm, der freilich seinen Reiz hat für manche Menschen.

Essen ist am unteren Rande der Gourmetküche. Das Frühstück ist eine Mischung aus Wird-Gebracht und Self-Service. Der Kaffee kam an einem Tag in einer Bodum-Kanne, am nächsten in einem silbernen Kaffeekännchen.

Ein Klavierspieler am Abend sorgt für Atmosphäre, am Morgen läuft Klassik leicht im Speisesaal. Sehr schön ist es, den Aperitif auf der Terrasse zu nehmen, große Auswahl, wir nahmen einen Bellini. Ich finde, den kann man überall trinken, nicht nur in Venedig.

Wir waren morgens und abends fast alleine, mich stört das nicht. (Nur dass keine Missverständnisse aufkommen, man kann, wenn man mal den Palastkönig spielen möchte, auch das Ding für 30.000 am Tag mieten. Das übersteigt leider meine Möglichkeiten. Aber wer möchte den spielen, der den Palast erstürmt und die Gärten für das Volk öffnet?)

Und wo bliebt nun die Gesellschaftskritik - hier? Auf der Strecke!

PS: In der Nähe in dem Dorf haben wir in einem Lokal mit zugezogenen Vorhängen einmal zu Abend gegessen, die Speisekarte war in einem tablet in allen möglichen Sprachen und großen Bildern. Technik at her best! Der Hauswein, eine Flasche zu ca. 8,50 €, wirklich gut, kein Kopf, gute Stimmung; das Fleisch hatte die selbe Qualität wie in unserem 5-Sterne-Hotel, und es gab vernünftige Beilagen. In Lissabon waren wir in einem Hotel, da war das Zimmer mindestens doppelt so groß und mit kleiner Küche etc.!

Zugegeben, man zahlt hier natürlich den Ort, die Kultur (Wand-Malerei), den großen Platz darum herum mit nicht geheiztem Pool und schönen Gärten usw., usf. Aber, wer ein Freund des Preis-Leistungsdeckens ist, der sollte in jenem Lokal mit den zugezogenen Vorhängen essen und den Hauswein trinken. Kultur (Malerei etc.) sollte allen gehören und ins Museum.

Hier gibt es auch sehr schöne und ruhige Gärten und einen Fantasiepalast, der es mit Neuschwanstein aufnehmen kann. Massen pilgern in diesen Talmi-Palast. Ganz unmöglich, das zu verstehen.

Lese hier Celeste Ng: Fires Everywere. A novel

19:29 19.05.2018
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