Skizzen aus der Dunkelheit: wenig erhellend.

Staatstheater Stuttgart Test
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Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit nach Arthur Schnitzlers "Reigen" von Roland Schimmelpfennig, Regie: Tina Lanik (11.7.21)

Man tritt ins Theater wie in einen Hochsicherheitstrakt, zumindest kommt einem das so vor, Namen und Sitzplatz werden erfasst, Test wird anhand des Ausweises kontrolliert, natürlich guter Letzt auch die Eintrittskarte.

Intelligentes, subversives Theater, das dem Publikum die Leviten liest, ist unter diesen Vorzeichen des Überwachungsstaates kaum mehr denkbar. Das, was Staatstheater meistens aber nicht immer ist, das Theater des Staates, und keines gegen ihn, das bewahrheitet sich in einem langen allenfalls äußerlich abwechslungsreichen Abend.

Während Corona durfte kein Theater gespielt werden, weil es nicht systemrelevant ist, das wurde leider bestätigt, es kratzt auch nicht mal am System, warum es also ernst nehmen? Vom Stuttgarter Theaterchef war nichts anderes zu erwarten, der Mann möchte es seinem bürgerlichen Publikum recht machen; das dankte mit pflichtschuldigem Beifall; nur ein interessantes Paar ging vorzeitig.

Die Theater hatten die Wahl, weniger Leute, dafür ohne Test, oder mehr Leute mit Test. Eine Quälerei – weil das Testen nur noch mit Smartphone und QR-Code bei mir ging, und der ging natürlich nicht. Zum Glück gibt es vorläufig noch hilfsbereite Menschen, wir wissen freilich nicht, wie lange noch.

Schnitzlers Stück ist Geschichte, es gibt SchauspielerInnen, die können, den historischen Gehalt zu neuem Leben erwecken, das heutige Aktualisieren bzw. Überschreiben lässt einen ratlos zurück. Ja, ohne MeToo geht es nicht – ohne die Frauenthematik nicht, ohne die „Machtfrage“, die freilich nicht gestellt wird, sondern nur zitiert.

Die Frage wäre, was hat uns Schnitzler Stück heute zu sagen, über ein Jahrhundert der Extreme später? Und welche Rolle spielt „Sexualität“ heute? Und geht das in einem Stück? Oder ist die Frage heute falsch gestellt?!

Das Stück will nicht enden, Variationen möglicher Ereignisse gehören vielleicht mehr in die Musik, hier wirken sie etwas formelhaft und man fragt sich: so what?

Die Theater sind nicht mehr systemrelevant, und der heutige Abend hat das leider bestätigt. Will das Theater wieder ernst genommen werden, dann sollte es seinen Eigentümern vor die Füße spucken, das wäre nach diesem Jahr das mindeste; aber so weiter machen wie vorher? Nichts gewesen außer Spesen?

Freilich hat auch das bürgerliche Publikum versagt, das sich dieses Lebensmittel nehmen ließ und geistig verhungert ist. Man könnte auch sagen, die Leute sind in der Ausgangssperre intellektuell und emotional regrediert. Die Folgen sieht man in dem was uns Politik und Massenmedien vorzusetzen wagen: deutlich.

Ich wüsste nicht, wie man, wenn man alten Kaffee wieder aufkocht und mit Zeitgeist dekoriert, wie das frischen Wind bringen soll?

Insofern wundert es auch nicht, dass eine Milliarde in ein Bauwerk gesteckt werden soll, und nicht in von Menschen gemacht Kunst und Kultur. Nein, selbst wenn Geld da wäre, und es ist da, nur eben falsch verteilt, die schwarzgrüne Kulturpolitik in unserem Lande spart sich den Narren, der die Wahrheit singt und spielt.

Geist - wo bist du hin? Hin? Hin!

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Empfehlung, was das Lesen angeht:

Wolf Wenzel: Die endlose Geschichte der Ausnahmezustände (in Deutschland). In: Hofbauer, Hannes u. Stefan Kraft (Hg.): Herrschaft der Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand. Promedia: Wien 2021

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PS: Zum Inhalt: nur soviel, das ist auch die Einstimmung, das erste Stück im Stück: Eine sich prostituierende Transe, die einen Soldaten zu ködern versucht, indem sie ihm ein hohes Lied unserer Armee singt, die sie vor dem Kopf-ab in anderen Ländern beschützt. 1. Der Kopf ist schon ab, 2. das ist an Verlogenheit, an Absurdität, an Stumpfsinn nicht zu toppen. 3. Das ist auch nicht als Satire zu lesen. 4. Das ist ein grünes Propaganda-Rührstück, dass einem ob seiner Dreistigkeit die Spucke wegbleibt. Mit einem Publikum, das so etwas durchgehen lässt, wird es keinen „Klimawandel“ geben und wir zurecht unter.

09:21 12.07.2021
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