Spaziergänge

Kino Dank und Zukunft
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

1. Die Pharmaindustrie fängt schon an, es den privateigentümlichen (staatstragenden) Massenmedien, in unserem Falle einer Provinzzeitung (Stuttgarter Zeitung), zu vergüten, was diese für sie getan haben: Eine ganze Seite Werbung für zweifelhafte oder sinnlose Arzneimittel: Da wird etwas gegen Rückenschmerzen empfohlen, weil da oft die Nerven schuld sind, dann für die im Hausarrest frust-vollgestopfen Mägen und (regierungsamtlich erzeugte) Übelkeit; und da ein voller Magen auch sonst zu Schlappheit führt auch noch gleich ein Mittel gegen sexuelle Schwäche. Übrigens auch für die Frau und nicht auf Hormonbasis! Ganz praktisch, weil die Leser dieser Zeitung nicht mehr schreiben können, kann man die Namen der Wundermittelchen passgerecht ausschneiden und dann der glücklichen Apothekerin vorlegen. Denn auch diese wird belohnt. Das führt in meiner Apotheke dazu, dass hinter der Glasscheibe inzwischen mehr Leute sich tummeln als Kundschaft herein darf. Nun gut, wenigstens hier gibt es neue und sichere Arbeitsplätze.

2. Kürzlich war ich mal wieder im Kino. War mal wieder nötig: Nomadland hatte Preise gewonnen und läuft in einem sogen. Alternativkino in Stuttgart. Ich rate von dieser Sozialschmonzette ab. Man kämpft mit Langeweile und Müdigkeit. Realismus ist etwas anderes, und das, was darin vorkommt, z.B., dass der Schwager und seine Freunde Häuser an Menschen verkaufen, die sich diese nicht leisten können, wirkt etwas aufgesetzt. Ich kann mir den Hype um diesen Film nicht erklären. Der Realismus scheint mir eher in den Eimer zu kommen. Vielleicht ist das alles auch der neuen Mode geschuldet, dass die Leute mit dem Wohnwagen in den Urlaub fahren, und lieber darin statt in Hotels übernachten? Dieses merkwürdige Phänomen findet man auch in der Mittelschicht und ist nicht nur finanziell zu erklären. Vielleicht eine Art Vorbereitung auf die Apokalypse? Der Individualist im Urlaub? Die vereinsamte Masse im Auto? - Ob da freilich der Van was nutzt?

Am Ende des Films, nachdem die Protagonistin ihre Chance ins "bürgerliche" Leben zurückzukehren abgeschlagen hat, sieht man sie am Rande einer Steilküste den Natur-Freiheitstanz aufführen. Das gefällt dem kleinbürgerlichen grünen Publikum, das hier seine Freiheitsträume vorgeführt bekommt, aber eben raffinierter. Wohnmobilfahrer als die neuen Pioniere. - Und wo sind die Indianer? Was man an dem Film gut finden könnte, ist der Blick in die Arbeitswelt der prekär oder temporär Beschäftigten. Freilich bleibt das oberflächlich, Armut wird vorgeführt - und fährt dann davon. Dahin, wo es wenigstens wärmer ist, aber sonst auch nicht anders. Dazu kommt etwas Lagerfeuer, "tiefe" Gespräche, und Tipps für das Camping. Grüner Verzicht wird hier als Armutskultur vorgeführt. Eine Warnung auch an uns! Nun ja, wem's gefällt? Der/Die darf dann auch im Regen tanzen und sich frei fühlen.

3. Nach dem Kino spazierten wir, sofern das noch möglich ist, eher nicht, seit langer Zeit mal wieder die Königstrasse Richtung Hauptbahnhof. Für Menschen, die statt Begriffen lieber Bilder mögen, empfehle ich an einem Samstag Abend diesen Gang. Er könnte wahlentscheidend sein. Die Königstrasse ist nicht nur seit Corona, aber gefühlt erst recht, ziemlich heruntergekommen. Es stören mich nicht die Jugendlichen, die auf der Suche nach ? dort herumziehen, gut bewacht von der Polizei. Man sieht aufgegebene Geschäfte; wo früher Kaufhäuser waren sind nun ?, wo früher ein guter Metzer oder ein Café war, sind Imbissläden, eine Schlange vor McDonald. Man hat den Eindruck(1) hier wird im Bild die Zukunft der Stadt vorweggenommen, die ihr droht, wenn die Automobilindustrie einbricht, was ja erwartbar ist. Oder es nur so weiter geht (dank unserer Politik). Und wenn wir weiter, was auch zu erwarten ist, von Schwarzgrün regiert werden. Es wird mehr Polizisten gegeben, die die verfallende Fassade dieses Landes bewachen.
Am Ende dieses Spaziergangs steht man vor dem Hauptbahnhof in dessen Fassade ein Loch klafft, als hätte der Taliban oder der IS dort hineingeschossen. Die braucht es freilich nicht, dafür sorgt Made in Germany schon ganz allein. Man hat den Eindruck(2), dem Ende der City beizuwohnen, wie wir sie kannten und manchmal schätzten. Aber Schwarz(egal: rot)grün jagt lieber die Ungeimpften, denn ein Feindbild braucht es, und die Diktatur, die keiner will, braucht ihre Begründung.

Die Süddeutsche meint, wir hätten die Wahl. Ich meine, wir haben keine.

---

Lit.

Was ich gerade lese: Jürgen Kaube: Hegels Welt. Berlin 2020

Dort, mein Eindruck, geht es mehr um Herrn Kaubes Welt, aber dazu, wenn gewünscht, gerne später mehr.

17:54 30.08.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare