Stilsicher

aus Stuttgart Das "nd" und der gute Geschmack
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Das "nd" ist die neue Zeitung für den guten linken Geschmack. Wofür das "nd"genau steht, ist etwas unklar, wird sich aber sicher im Laufe des Jahres klären.

Die Zeitung hat einen armen Kollegen nach Stuttgart geschickt, der über die dortige Querdenker Demo berichten muss. Am Hautbahnhof ist ihm nichts aufgefallen als eine arme FDP-Frau, die als Opfer von Covid es mit den Querdenkern aufnehmen will und ihnen Gesundheit wünscht - und kein Corona. Mich erinnert das etwas an die Zeugen Jehovas oder die Scientologen, die dort gerne den Passanten auflauern. Aber so geht Wissenschaft und guter Journalismus eben heute.

Sie wird die Kronzeugin unseres Autos, und einmal mehr, die Klammer, die seinen Text zusammen hält und ihm Eleganz und Nachhaltigkeit verleiht!

Was sieht unser Reporter in Stuttgart bei den Querdenkern: "Es ist ein Schaulaufen des schlechten Geschmacks. Der Aufstand des deutschen Spießbürgers, der sich um seine Privilegien beraubt sieht." Auch hier haben wir es wieder, die Grundrechte sind zu Privilegien verkommen, unser Autor ist auf staatstragender Höhe. Nun haben sich manche, ganz radikale Linke noch nie um demokratische (bürgerliche) Grundrechte geschert, aber für jemanden, der für die Parlamentslinke schreibt, ist das doch überraschend. Zumal doch auch deren Existenz ein Privileg sein könnte, vielleicht sogar ein überflüssiges?

Wer hier in Stuttgart unterwegs ist, weiß der Autor, hat sich von allen gängigen Medien verabschiedet, vermutlich auch vom nd, und lebt in seinem Paralleluniversum. Er stellt sie sich so vor, dass sie nichts mehr mit dieser, seiner Welt zu tun haben möchten. Hu! (Immerhin ist die Welt des nd und seine damit gewaltig gewachsen. Möge sie es angemessen honorieren.)

Wer etwas über deren Welt erfahren möchte, könnte das Buch der Nachdenkseiten lesen: "Die im Dunkeln sieht man nicht." Oder die neuen Leserbriefe nach einem Jahr Lockdown. Aber man will ja nicht zu viel erwarten.

Da wir fürchten, dass auch ich als Liebhaber vom "Mohr im Hemd" dem Naziverdacht ausgesetzt bin, müssen wir auch hier im nd mit Humor rechnen: "Ein kleiner antifaschistischer Gegenprotest macht sich über die Demonstrierenden lustig. 'Ihr schmeißt alles in einen Topf und lauft auch noch den Nazis hinterher.'" Leider verstehe ich diesen Humor nicht.

Ich bin mehr durch Zufall auf den Corona-Ausschuss gestoßen und habe mir dessen Video mit Experten über 4 Stunden(!) "Kann denn Rechnen Sünde sein" angehört. Zum einen bin ich auf die bekannten und von mir geschätzten Experten Wodarg und Bhakdi gestoßen, und zumindest Wordarg erscheint mir als ehrlicher Sozialdemokrat, also von gestern und nicht von dieser Welt (gewollt und gemacht), aber auch auf einen schwer zu folgenden Mathematiker, nichtsdestotrotz der Mühe wert, und eine Psychologin, an der ich aber etwas zweifle. Dieser Ausschuss besteht wohl aus "guten Bürgern", sicher keine Linke, Rechtsanwälte, mit einem mir etwas zweifelhaften Vertrauen in den Rechtsstaat, und vielleicht auch einer Geschäftsidee. Aber da gibt es schlechtere! Das ist keine leichte Kost aber nahrhaft (gedanklich.)

Zurück nach Stuttgart, wo in den Medien ein Gegendemonstrant seinen kurzen Auftritt hatte, den ich nicht einordnen konnte. War der nun von der Jungen Union oder von einer Antifa-Gruppe? Das ist bei so einer kurzen Sequenz nicht zu unterscheiden, zumindest für mich nicht; sicher war er aber auf Regierungsphobielinie. (Und wären die Psychologen nicht hoffnungslos ausgebucht, hätte man ihm einen empfehlen können; irrationale Ängste sind deren Thema.)

Die FDP-Frau, die es unserem Reporter angetan hat, besucht er am Ende seines schweren Arbeitstages noch einmal. Sie hat die etwas unfreundlichen Sprüche der Demonstranten gesammelt - für ihr Corona-Tagebuch. Z.B. »Also hattest du eine Erkältung« »Ja, ich hatte auch mal Lungenentzündung.« Dass man an Grippe sterben kann oder an den Folgen einer Lungenentzündung genügt heute nicht mehr. (Auch hier wäre bei der Einordnung ein Analytiker vielleicht hilfreich, auch wenn das etwas einer narzisstischen Kränkung gleichkäme.)

So endet der Artikel, der mit der FDP begann, auch mit ihr. Bilden sich da neue Freundschaften, nachdem die Linke ihrer Zeitung etwas die kalte Schulter zeigt?

Wie auch immer, die StZ ist da ehrlicher, und ruft gleich nach der Polizei, bzw. bemängelt deren Versagen. Ihr wäre es lieber gewesen, diese wäre, wie sonst auch, in die Menge rein, und hätte denen mit Pferd, Schlagstock und Wasserwerfern* sowie "kleinen" Bußgeldern für die klamme Staatskasse, gezeigt, wo und wie in Baden-Württemberg Demokratie herrscht.

Oder verbieten, was ein hoher grüner Beamte wollte. Was würde den Lockdown besser ergänzen als - Friedhofsruhe?

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*Ein Sternchen muss sein:

"Man bedenke z.B., wieviel Sadismus befriedigt werden kann, wenn das Subjekt glaubt, es handle im Hinblick auf ein höheres Ziel." (O. Fenichel)

14:03 04.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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