Theater heute

Heimat und Soziologie Ein bisschen Grusel
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Aus dem Urlaub zurück, finde ich die neue, dicke Ausgabe von "Theater heute", d.h. dessen Jahrbuch, vor.

Es ist zum Gruseln, es beginnt mit der "Heimatfrage", dazu begleitende Fotos... Das Beste dazu steht am Ende von Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung", seither habe ich darüber keinen guten Gedanken mehr gelesen. (Zumindest erinnere ich mich nicht.) Das liegt daran, dass Bloch als Marxist den Begriff in die Zeit, eine kommende Zeit, einbettet, alles räumliche (zu Heimat) ist affirmativ, bieder, so peinlich wie private Fotos im öffentlichen Rahmen, oder schlimmer noch: reaktionär.

Ich lese Herrn Selges Beitrag zum Grundgesetz und wundere mich, wie naiv er die Eltern des Grundgesetzes bewundert, "dass sowohl Opfer aus den Gefängnissen als auch aktive Mitglieder der NS-Regierung, also Täter, sich im parlamentarischen Rat zusammenfanden, um die Republik ein Stück nach vorne zu bewegen, um Zukunft zu ermöglichen und einen neuen Anfang zu machen."

Ja, einen neuen Anfang machten die Täter gerne, nicht alle deren Opfer waren für diesen Neuanfang - ein Stück nach vorne. (Im Nachhinein hätte man nach der Richtung fragen können?) Aber das ist ein anderes Thema für uns, die wir vorn sind.

Es wird meistens sehr "schön", wenn heute ein Soziologe zu Wort kommt. Einer von der Sorte, deren es viele gibt, schon das eine oder anderes Mal, kam mir hier auch einer unter, die die immer gleiche Methode haben. Sie suchen sich ein schönes Wort ("Begriff") und bauen darum eine Theorie, die unsere kleine Welt erklären und uns einen Halt bieten soll. Andreas Reckwitz hat sich das schöne Wort "Singularisierung" ausgesucht, Individualisierung ist schon vergeben, auch solche Begriffe wie Resonanz oder Beschleunigung usw.

Wie es sich für einen echten Soziologen gehört und für diese Zeitschrift, die von der alten und(!) neue Mittelschicht gelesen werden möchte, beschäftigt er sich mit dieser. Dabei ist es ihm als Kultursoziologen um feine Distanz gegenüber solchen Begriffen wie Neoliberalismus zu tun, er möchte in alter Tradition die Kultur nicht als Erscheinung der Ökonomie behandeln, sondern sie gleichberechtigt vorführen, das ist ja auch sein Beruf/Berufung. Kurz: Er will tiefer graben und entdeckt die postindustrielle Ökonomie und Kultur! Da die Handarbeiter abnehmen, warum fragt er leider nicht, und die sogen. Dienstleistungsberufe zunehmen, darf man die Karten in der Klassenanalyse, die natürlich so nicht mehr heißt, neu mischen: nach der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, die es zwar nie gab, aber das hindert natürlich niemand daran zu glauben, mehr oder weniger, gibt es eben alte und neue Mittelschicht und die Unterschicht, die nun wieder so genannt werden darf. Was wir dann lesen, kennt jeder Zeitungsleser zu Genüge.

Was sehr subtil eingebaut wird, sind die Totalitarismustheorie, wenn als antiliberale Parteien rechte und linke gegenübergestellt werden (Melanchon und Le Pen), oder wenn Wertestrukturen der neuen Mittelklasse sehr stark auf neue Öffnungen setzen: "der Identitäten, der Märkte, der Internationalisierung, der Migration". Darin mischt sich nicht nur links und rechts, wie unser Autor meint, und damit im Mainstream liegt und nicht im Singulären, sondern Ursache(n) und Wirkung(en), Ökonomie und Kultur, werden so vermischt, dass über den Faktor "Emotion": "Das Gelingen muss gefühlt werden - das Gefühl aber kann schwanken oder trügen: Ist es wirklich das, was ich gesucht habe? Bin das wirklich ich?...", der Witz (Pardon) der Geschichte dann darin endet: "Die staatliche Planungsutopie einer wohlgeordneten Gesellschaft war eine Vision der industriellen Moderne. Im Ernst zu meinen, man könnte dahin zurück, wäre Nostalgie."

Dem Kulturprofessor sei dank, ich frage mich nun auch, ist das wirklich das, was ich gesucht habe?

PS: In Stuttgart wurde übrigens der theatrale Vertreter der neuen Mittelschicht, offen für alles, durch einen neuen ersetzt, von dem wir nun noch nicht wissen, wie und wofür er offen ist. Aber neugierig sind wir allemal und haben schon Theaterbesuche geplant.

Die politische Führung im unserem Land ist übrigens auch offen: für Autos, Immobilien- und Schwindelprojekte usw.

Literaturtipp: Laschitza, Annelies: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine politische Biographie. Aufbau, Berlin 2010

18:39 01.09.2018
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