Theater heute

Höhepunkte Jahrbuch
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In "Theater heute", d.h. dem Jahrbuch, haben sie wieder einen Soziologen eingeladen für das erste Interview. Das kam schon öfters vor und gelang nicht immer. D.h. es gelang nicht immer, zentrale Themen anzusprechen, oder es gelang, an ihnen vorbei zu sprechen und die zeitgeistigen Themen mehr oder weniger geistreich zu bedienen.

Von Herrn El-Mafaalani habe ich noch nicht gehört, das müsste freilich kein Nachteil sein, da die "Intellektuellen" der Zeit ja Virologen sind und verwandte Fächer "bespielen".

Auch hier wird gespielt, vielleicht gehört El-Mafaalani zu jenen 10 Soziologen, die heute "das Feld bespielen". Das Feld sind wohl die Massenmedien, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken, und ein bisschen das Publikum, dem vorgespielt wird und das sich mitspielen lässt. Man könnte, um das beliebte Bild zu verwenden: das ein (In-)Blasenspiel nennen.

Da Integration und Diversifikation die große Mode sind, mit allen Themenschattierungen der jeweils Betroffenen, ist dies das Thema. Der Autor hat zwei populäre Bücher dazu geschrieben und unterscheidet auch in seinem Buch, auf das und die er gerne verweist.

Unterscheidungen freuen uns immer sofern die Unterschiede im Rahmen bleiben. Die äußere Offenheit ist seiner Meinung nach wohl außer für die Flüchtlingskrise auch für die Finanzkrise verantwortlich; das verstehe ich nicht, das ist mir zu viel "Offenheit". Interessanter ist die innere, die die "Teilhabekonflikte" hervorgebracht haben. Wären mal die Frauen, die er als schönes Beispiel anführt, zuhause geblieben, dann hätte es viel Ärger - nicht nur im Uni-Bereich - nicht gegeben. Aber nun sind wir beim Höhepunkt der soziologischen Begrifflichkeit: Beim Nachmittagskaffee. Es geht um den Kuchen. Natürlich nicht, wer ihn gebacken, auch nicht, wer ihn gekauft hat, sondern wer ein Stück vom Kuchen bekommt. Und mitunter geht es auch darum, wie man an ein solches kommt, bzw. um ein größeres. Einladung vorausgesetzt.

El-Mafaalani ist nun ein Klebstoffforscher, er forscht nach dem Klebstoff, der die Kaffeerunde, d.h. unsere Gesellschaft, zusammen hält. Das ist so bei Soziologen, irgend ein Wort muss in Erinnerung bleiben, denn sonst ist man vergessen und wird nicht mehr eingeladen. Ich behalte den Klebstoff in Erinnerung, der nicht mehr klebt, weil die Teile daran rütteln und neu mit ins Bild "geklebt" werden wollen.

So ganz unkritisch geht es hier aber nicht zu, wird doch schonmal gefragt, ob man nicht einen anderen Kuchen backen könnte, aber das ist schnell vergessen.

Es taucht sogar die Unterklasse auf, vor der man weiß, dass sie nicht mehr an die Aufstiegsversprechen glaubt oder daran, dass es besser werden könnte. Das liegt freilich auch an denen, die diese große "Erzählung" den Leuten ausgetrieben haben - also an SPD und Grünen. Die Linke hat, ich sag es in meinen Worten: kein sozialistisches, sondern ein Koalitions-Programm.

Die Mittelschicht macht, was sie gerne macht: sie trinkt Kaffee, lädt neue Leute ein und muss aber feststellen, dass der Kuchen, den sie gekauft hat, nicht für alle reicht. Nun hat sie Ärger mit der alten und der neuen "Verwandtschaft".

Man kann also festhalten, dass die Reflexion, die man sich leistet, nicht darüber hinausgeht, was ohnehin ist.

Man darf in einem Mittelschichtskulturblatt mit vielen verstörenden Bildern und Interviews und der Hauptsache: der Kritikerumfrage, nun nicht erwarten, dass anderes als Klebstoff serviert wird.

Man kann nur hoffen, dass das theaterinterne Kuchenteilen nicht dazu führt, dass das Publikum mit fein ausgewogener Homöostase beruhigt wird.

Der entscheidende Bevölkerungsanteil ist ohnehin nicht eingeladen und bleibt in der Küche. Ob der nun, wie das Gerücht es will, in den Kuchenteig gespuckt hat, wir werden es nie erfahren oder...

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Ein Philosoph schrieb vor langer Zeit:
"Bildung sei das Sichherausarbeiten aus der Fraglosigkeit des Lebens."

Nun heute ist das vielleicht umgekehrt:

Bildung ist das Herausarbeiten aus der Fragerei des (veröffentlichten) Lebens.

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Theater heute: Mehr Konflikte wagen! Der Soziologe Aladin El-Mafaalani über Identitätspolitik, Integration und Rassismus, die Ordnung der Gesellschaft, geplatzte Versprechen, die Ambivalenz von Öffnungsprozessen und Strategien der Veränderung - ein Gespräch (S. 6 ff.?)*

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*Leider nichts zum Wetter!

10:14 07.09.2021
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