Tick Tack macht das Metronom

Teil 2 Von irgend jemanden erwartet?
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Wobei ich befürchte, dass das hier niemanden interessiert...

Frau Seiwerts "Enthüllungen" enden mit einem Anhang. Diesen könnte man durchaus als ersten Teil lesen, dann bekommt man eine Ahnung, was da umkreist wird. Der Anhang wiederum endet, bevor die Musik verklingt, mit dem schönen Wort "Zeitverschwendung". Wenn man wg. der Frauen nicht vorsichtig sein müsste, würde ich sagen, die ist die Schwester bzw. Zwilling des Müßigganges, also besser: deren (warmer?) Bruder.
Müßiggang ist mehr denn je, wir leben in der durchorganisierten, selbstoptimierten, entfremdeten, spätbürgerlichen Gesellschaft, in der die Hirne kurz davor sind, mit dem Netzwerk kurzgeschlossen zu werden. (Ein bisschen Rauch - und fertig.)
Dabei ist, mehr denn je, Zeitverschwendung eine subversive Angelegenheit; wissen wir doch, wer in Eile ist, kann nicht denken - im besten Sinne. Spontaneität fällt nicht von Himmel, sondern zündet nur das Feuer, das vorher schon aufgeschichtet (z.B. Holz) wurde.

Im Anhang, wieder zum Thema, lernen wir auch den Liebling von Frau Seiwert, den Ritter Gluck, kennen, der es ihr so angetan hat, dass er gleich mehrmals (im Anhang 2mal) auftreten darf.
Ein Lieblingswort von ihr, dem man auch öfters begegnet, ist das Panorama, gerne auch als Adjektiv; auch als Adverb wäre es kokett denkbar. (An so eine Verwendung kann ich mich aber leider nicht erinnern.) Das spricht für Souveränität und einen erhöhten Standpunkt. Der ist freilich nötig, will man die umgebende Niederung überblicken und Angriffsziele bestimmen.
An diesen mangelt es aber doch. Ein Hauptmangel scheint mir, dass es nur um die Frage der Reproduktion geht. (Das ist von mir natürlich ein bisschen albern, da das ihr Thema ist!) Dennoch: Es fehlt mir ein Extrem: Mein Lieblingsstück von John Cage ist 4:20; es kann aber auch sein, dass ich mich mit der Zeit irre. Koche ich morgens ein Ei für die Dame, dann dauert das 5:20. Das ist mir, gleich nach Cage, eine besondere Musik, wenn das Wasser langsam anfängt: warm, heiß, kochend. Dann das Ei aufnimmt und die Entwicklung ganz unbemerkt, subkutan, voranschreitet.
Was ist nun bei Cage original, was ist Reproduktion, Kopie und Interpretation? Da vermisse ich schmerzlich eine entsprechende Erörterung / Dialektik.


Was ich aber am meisten vermisse, ist die Frage des Publikums, das für mich kein bürgerliches im Sinne dessen der Weimarer Republik mehr ist. (Im besten Sinne!) Angenommen, es gäbe die halbwegs stimmige Reproduktion des unauffindbaren Originals, stellt sich da nicht auch die Frage nach den Ohren, für die die Mühe unternommen wird? Der ganze Aufwand nur für einen selber? Wobei das m.E. noch nicht das Ende der Dialektik ist. Denn welche Reproduktion passt zu welchem Publikum (Typologie!)? Und: Frau Seiwert kommt auch mit dem cui bono - wem nützt das, oder anders gefragt: mit welchem Effekt? Wenn ich an das letzte, von mir hier besprochene soziologische Opernbuch denke, da sieht sich das Thema in der Institution Wissenschaft nicht. Deren platter Positivismus begnügt sich mit sich selbst.


Ich vermisse bei Frau Seiwert etwas den Klassenkampf. Als hätte sie das selber bemerkt, kommt am Anfang kurz ein gewisser Norbert Bolz in einer Fußnote vor, wobei selbst eine solche noch für diesen ein zu nobler Ort ist. Aber es hilft nichts. (Auch) Für Bolz ist der Sozialstaat eine Gefahr, er macht die Menschen hilflos. Eigentlich ist es andersherum, seine Gesellschaft macht die (viele) Menschen arm und hilflos, aber diese Art von Professoren kennen nur sich und ihre Sponsoren.- Welch Glück für die Studenten, dass nun wieder Herr Lucke seine neoliberalen Deutschlandalternativen vor ihnen ausbreiten darf. Die sind dann mit keiner Musik mehr zu erreichen. Alles weitere ist gute Unterhaltung.
Große Hochachtung für die junge Leute, die dagegen protestieren, auch wenn es ein vergeblicher Kampf ist, da die Universität voller solcher staatstragender Wissenschaftler ist, die D. wieder zu alter, d.h. neuer Größe führen möchten. Wer kann, sollte im nächsten Auslandsurlaub einen Koffer dort zurücklassen...

Elvira Seiwert: Enthüllungen. Zur musikalischen Interpretation im Zeichen ihrer technischen Reproduzierbarkeit, Zu Klampen 2017

12:40 19.10.2019
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