Tour d'Argent, Paris

Restaurantbesuch Knapp unterhalb des (bürgerlichen) Himmels
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Das Tour d'Argent ist natürlich kein Grund nach Paris zu fahren, Spitzengastronomie gibt es auch bei uns und deutlich günstiger. So waren wir kürzlich im Lamm im Rosswag: sehr gut! sehr nett! Und zumindest mittags erfreulich informell.

Beim diesem Pariser Lokal sollte man im Anzug antreten; alle Männer trugen Anzüge, weiße Hemden etc. Vermutlich kommt sonst der Aufzug nicht. Denn man betritt den Empfang im Erdgeschoss, wo zwei schöne junge Frauen die Garderobe abnehmen. Dann kommt man in eine Art Empfangszimmer, wo man vermutlich durch irgendeine Kamera beobachtet wird bzw. vom dortigen männlichen Mitarbeiter. Wir bestanden die Prüfung und durften mit dem Aufzug ins Obergeschoss (4. Stock) fahren. Zu unserer großen Freude bekamen wir einen Tisch am Fenster, wo einen eine bemerkenswerte Aussicht erwartet.

Mir ganz unerklärlich, wir waren 3 Männer und meine Dame, bekam ich die Karte mit den Preisen, alle anderen die Damenkarte ohne. Ich habe diese dann schnell weiter gereicht. (Nur mein Zahnarzt übertraf die kommende Rechnung noch kürzlich!) Es gab die vorbestellte und nummerierte Ente, für die das Lokal berühmt ist. Man kann diese zwei Enten-Gänge auf zwei verschiedene zubereitete Weisen bekommen. Die eine erschien mir etwas zweifelhaft, "komprimierte" Ente, ich wählte also die schlichtere Form. Dazu Vorspeise und Nachspeisen.

Die Weinkarte ist einen Sensation. Ich dachte, sie bringen mir das Telefonbuch, das ähnlich dick ist. Und das alles französische Weine, die preislich keine Obergrenze kennen. Mit Mühe kann man unter 100 € bleiben, wir waren etwas darüber, dafür waren die Flaschen länger gelagert. Nicht zu ihrem Schaden.

Natürlich gibt es Grüße aus der Küche. Personal gibt es zur genüge, ich war nie genötigt selbst Hand an die Weinflasche(n) zu legen. Der Oberkellner sah aus, als wäre er früher Boxer gewesen. Sollte sich hier jemand daneben benehmen oder seine Rechnung in Frage stellen, käme sicher sein Einsatz. Die anderen Beschäftigten waren eher kleiner und zierlich.

Sie scheinen aber ihren Weinen oder ihrer Kundschaft nicht ganz zu trauen. Der Wein-Kellner hatte ein kleines Glas in petto, in das der ersten Tropfen aus der Flasche kam. Den kostete er dann vor. Im Laufe des Abends schien er mir immer vergnügter und ich beneidete ihn heimlich.

Die Portionen sind ausreichend, man wird satt, wenn das überhaupt ein Kriterium in diesem Umfeld ist. (Dürfte es eigentlich nicht sein...)

Übrigens: das Personal partiell durchaus freundlich, nicht anbiedernd etc. Geht man auf die Toilette, wird man zu dieser hin begleitet, dann zum Glück alleine gelassen; die Toilette war auch hier eine Zumutung, aber das hat in Frankreich Tradition.

Es gibt runde Tische, keine Handtücher darauf, sondern ordentliche Tischdecken, mit genügend Platz zu den Nachbartischen, die international besetzt waren (eine japanische Familie, vermutlich eine russische etc.). Die Leute sahen ansonsten relativ normal aus.

Will man in Frankreich wie Gott in demselben Lande speisen, so kommt man in diesem Lokal, wenn man alles zusammen zählt, diesem doch schon näher, wenngleich es viele nette Lokale gibt, die auch einen Besuch lohnen, z.B. das La Coupole, das als das Borchardt (Berlin) von Paris charakterisiert wurde. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber zumindest hatte man auch dort noch etwas Platz. Anderntags mittags waren wir in einem italienischen Lokal, wo die kleinen Tische so eng beieinander standen, dass diese extra hervor gezogen werden mussten, wollte jemand mit dem Rücken zur Wand sitzen. Man musste den Kopf gerade halten, sonst hätte man wohl eine Liaison mit dem Herrn/Dame am Nebentisch riskiert. Essen aber gut. Preise überall über unserem (Stuttgarter) Niveau.

Beim Nachtisch kamen wir im Tour d'Argent etwas durcheinander, weil man z.B. den flambierten Kuchen (for show) auch nur als Ganzen bekommt, also für mindestens 2 Personen. Ich bekam dann durch glückliche Umstände (Konfusionen) noch etwas Schokoladiges hinterher.

Geht man durch "unser" Viertel Saint-Germain-des-Prés, das seine Gentrifizierung hinter sich hat, und schaut die Preise für Immobilien an, so hätte man auch als schlichter Millionär hier schlechte Karten. In Paris erzählte uns ein Lehrerpaar, dass sie vor 30 Jahren eine schöne Wohnung gekauft haben, diese könnten sie sich heute freilich nicht mehr leisten. Aber das ahnen wir, leben wir doch in ähnlichen Verhältnissen in unseren Großstädten. Die Demo der Gelbwesten haben wir leider nicht gesehen, aber es gab am letzten WE noch andere Demos. Gründe zum Demonstrieren überall genug.

Im Tour D'Argent verkehrt womöglich eine Schicht von Menschen, die man sonst nicht mehr trifft. (Ob das ein Verlust ist, steht dahin, aber Zeiten demokratischer Illusionen gehen sowieso zu Ende.)

Meine Reiselektüre: Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla. Keller hat die Anfänge dieser Entwicklung beschrieben. Wir sind schon mitten in ihrem Ende - oder unserem, das ist ja auch nach Marx/Luxemburg offen.

Freilich ist die Menschenkenntnis des Personals in diesem Lokal sehr schlecht: Man kam mit der Rechnung zu mir...

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Literaturtipp:

Rothschild, Thomas: O Gerechtigkeit. Ein Essay über Verteilungsgerechtigkeit, Neid, Rache, Terror, Kompromiss und die Sozialdemokratie. Wien 2010

09:32 02.04.2019
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